Loslassen

Gedanken, Gefühle

Sie drehte sich um, hatte Tränen in den Augen. Freude oder Trauer konnte sie selbst nicht genau sagen. Es war irgendwie beides. Ihre Haare wurden vom Wind aus ihrem Gesicht geweht und sie konnte den Sommer, die Ruhe und den See vor sich spüren und riechen.
Eine neue Zeit. Eine Veränderung. Mal wieder.
Aber es war gut so. Endlich war es gut.
Verloren hatte sie nichts. Gewonnen an Erfahrung. Lebensqualität. Und eigentlich musste sie sich doch eingestehen, dass es ihr besser ging. So viel besser. Diese Streitereien, dieses Vermissen. Dieses ewige Vermissen. So eine lange Zeit war sie so unfassbar einsam gewesen, obwohl da hätte jemand sein sollen, der ihre Schulter streichelt, der sie in den Arm nimmt, der das Telefon abhebt, wenn sie anruft.
Aber sie war einsam. Kann man denn einsam sein, wenn da eigentlich jemand ist?
Zu spüren, dass sie weniger allein war, wenn da plötzlich keiner mehr ist, war erschreckend und erlösend.

Sie drehte sich um, hatte Tränen in den Augen.
Der Wind wurde jetzt stärker und sie zog die Jacke enger. Die Sonne schien zwar noch, aber es wurde kühler. Die Bäume und Farne am Wegesrand bewegten sich. Sie ging langsam den Weg am See entlang zurück.
Der Weg loszulassen war nicht einfach. Keiner hatte das gesagt und sie wusste das. War sie stark genug? Daran hatte sie keine Zweifel. Sie würde das schaffen. Aber wie oft sollte ihr Herz noch gebrochen werden, bis der kommt, der sie an der Hand nimmt und sie liebt, aufrichtig, unaufhaltsam, leidenschaftlich und intensiv.
Wie lange und wie oft hatte sie gewartet und war enttäuscht worden.
Ihr Blick wanderte raus auf das sich kräuselnde Wasser.
Was hast du vor mit mir? Wo soll mein Weg hingehen?

Sie drehte sich um, hatte Tränen in den Augen.
Vor Lachen. Da waren die anderen und er und sie musste lachen. Es war ein unfassbar schönes Gefühl wieder dabei zu sein. Es war ein unfassbar schönes Gefühl wieder angekommen zu sein. Es war ein unfassbar schönes Gefühl Anerkennung und Zusammengehörigkeit zu spüren. Und da war sie nun. Mittendrin. Und das war gut so. Die Zeit machte es besser. Ließ es leichter ertragen, lies es besser verarbeiten. Mit sich und den anderen. Und mit allem.

Sie drehte sich um, hatte Tränen in den Augen.
Der Songtext, die geballten Fäuste, sie wollte jemanden schlagen. Ihre Gefühlsschwankungen waren nicht mehr auszuhalten. Sie hatte eine Wut im Bauch und gleichzeitig Trauer. Wur auf sich selbst, Wut auf ihn, Wut auf die Welt. Warum das alles? Wie konnte denn das schon wieder passieren?
Sie atmete tief ein und aus. Sie musste sich beruhigen.
Eigentlich waren es ihre Gedanken, die ihr einen Streich spielten.
Am Ende musste sie loslassen.
Ihn loslassen. Die Gefühle für ihn loslassen. Und das war und ist doch das schwerste.
Denn wenn der Kopf schon lange begriffen hat, dass es eine Zukunft wohl nicht geben wird.
Das Herz hat meistens einen anderen Plan.
Also lerne loszulassen.
Lass los.
Lass einfach los.

Fotos by Michael Traum

 

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