Vergesse nicht zu träumen…

Geschichten

Die Tür stand bereits offen, als sie den Verein betreten wollte. Da sie keinen Schlüssel hatte, ließ er immer für sie offen, wenn er etwas früher da war. Sie schloss die Tür hinter sich und ging dann zu den Umkleiden. Der Tanzsaal lag noch stockdunkel da und sie vermutete, dass er sich ebenfalls noch umzog.
Nachdem sie sich ihre hautenge Trainingskleidung angezogen hatte, nahm sie ihre Trinkflasche und ihr Handy aus der Sporttasche und ging aus der Umkleide. Als sie den Tanzsaal betreten wollte und ihre Hand gerade auf den Lichtschalter gelegt hatte hörte sie ein Atemzug etwa einen Meter neben sich.
„Lass das Licht aus. Wir werden es nicht benötigen.“
Sie stockte kurz. Es war nicht seine Stimme. Es war die Stimme von ihm.
„Er wird nicht kommen. Nicht heute. Heute werden wir zusammen trainieren. Ich will an deiner Körperhaltung arbeiten.“
Sie schloss die Augen. Sie wusste, wenn er mit ihr tanzen würde, würde es hart werden. Sehr hart für sie. Denn alleine mit dem eigenen Trainer zu trainieren bedeutete harte Arbeit.
Sie legte ihre Sachen auf den Boden und ging ohne ein Wort zu sagen in den stockfinsteren Tanzsaal. Durch ein paar Spalten der Vorhänge drang von draußen das milchige Licht der Straßenlaternen und der vorbeifahrenden Autos. Auf dem Flur brannte ebenfalls Licht, welches nun durch die offene Tür hereinschien. Sie drehte sich um und konnte seine junge, durchtrainierte und muskolöse Gestalt neben der Musikanlage ausmachen.
„Wir beginnen mit Tango.“


Sie seufzte einmal tief und dann konnte sie doch nicht verhindern, dass ihr Herz anfing schneller zu schlagen, als die ersten Töne der Musik den dunklen Saal durchdrangen und sie ihn auf sich zukommen sah. Er stellte sich dicht vor sie und sie konnte seinen Atem auf ihrer Haut spüren. Sein Geruch stieg ihr in die Nase und ihre Haut begann zu prickeln, als er seine Hand auf ihren Rücken legte. Sie sah ihm für einen kurzen Moment in die von dem milchigen Licht leuchtende Augen und erkannte, dass er sie betrachtete. Ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen. Doch dann war der Moment vorbei und er schob sie mit seinem Körper in die korrekte Haltung während er unter ihren Po griff und ihre Hüfte nach oben zog.
„Deine Haltung ist eine Katastrophe. Nimm dein Bauch rein und zieh deine Hüfte nach oben, Mädchen. Mach dich lang. Wo ist dein Kopf?“
Sie legte ihren Kopf in die richtige Position. Er drückte sie weiter nach hinten und in die Länge.
„Du machst zu wenig. Du kannst viel mehr, also tus auch.“
Er nahm ihre linke Hand und legte sie auf seine Hüfte während er ihre rechte Hand auf seine Brust legte.
„Fühl die Bewegung“, flüsterte er.
Und dann begann er mit ihr zu tanzen. Sie versuchte sich seinem Körper und seiner geschmeidigen Bewegung anzupassen, doch sie war hilflos verloren. Während er sich mit ihr bewegte, legte er seine Hände auf ihre Hüfte und zog sie nach oben.
„Du musst deine Haltung beibehalten. Du klappst zusammen wie eine Ente, jedes Mal, warum? Weil du keine Kondition und keine Körperspannung hast. Das musst du trainieren. Wo ist dein Zentrum? Wo ist dein Schlüsselbein?“
Er griff ihr in den Rücken und sie nahm die Schultern auseinander. Dann schob er ihren Kopf zurück in die richtige Position.
„Du bist viel zu faul. Deine katastrophale Haltung kommt von zu viel Faulheit. Du machst zu wenig. Viel zu wenig.“
Er griff unter ihre Arme und drehte ihren Oberkörper. „Wo ist dein Shape, wo ist deine Oberkörperbewegung. Sollen die drei Zentimeter Verschiebung deines Zentrums Bewegung sein?“
Sie waren mittlerweile zweimal durch den Saal gelaufen. Sie stand in einer unfassbar atemberaubenden Haltung und bewegte sich auch in dieser, aber ihr tat alles weh und sie atmete nur noch abgehakt.
Er ließ von ihr ab und sie richtete sich für einen kurzen Moment auf. Da drehte er sich abprubt um und griff sie erneut. Sie nahm sofort die korrekte Haltung ein.
„Very good girl, und jetzt von vorn, ohne dass ich dich korrigieren muss.“
Sie bewegte sich mit ihm in einer Linie. Ihre Körper verschoben sich zu keinem Zeitpunkt um einen Zentimeter zu viel. Nach zwei Runden Schweigen ließ er sie los und atmete selbst etwas abgehakt. Sie konnte seinen faszinierten Gesichtsausdruck sehen. Selbst verwundert über ihr Können stand sie etwas hilflos da.
„Du kannst das. Das ist das Niveu drei Klassen höher, als du tanzt. Warum tust dus nicht?“
„Weil es mir noch nie jemand so erklärt hat.“, flüsterte sie. Das erste Mal, dass sie sprach.
Er biss sich auf die Lippen und kniff die Augen zusammen. Er schüttelte leicht den Kopf, drehte sich um und ging zur Anlage. Währenddessen hörte sie ihn flüstern, „Verschwendete Zeit mit einem unfassbaren Talent, sie hätte in der Zeit schon so viel besser sein können.“
Sie sah zu Boden. Ganz vergeudet war die Zeit nicht gewesen. Sie hatte dennoch viel gelernt im letzten halben Jahr und dennoch stand sie nun hier und erfuhr, dass sie um einiges besser war, als das was die Trainer aus ihr herausgeholt hatten. Oder glaubte er oder sie das nur?
„Langsamer Waltzer.“
Die Musik wechselte schlagartig und von dem sexy starken selbstbewusste Rhytmus des Tangos war nichts mehr zu erkennen. Jetzt spielte eine unfassbar schöne Klaviermusik und erfüllte die Luft mit einem erwartungsvollen ruhigen und zugleich liebevollen Klang.
Sie ging langsam auf ihn zu. Er stand noch mit dem Rücken zu ihr an der Musikanlage. Sie schloss die Augen, als sie dicht hinter ihm stand. Er bewegte sich nicht. Vorsichtig legte sie ihre Stirn auf seinen Rücken und schob ihre Hand in seine. Seine Finger umschlossen sanft ihre vorsichtige Hand. Dann drehte er sich plötzlich ruckartig und dennoch vorsichtig um und sie hatte in sekundenschnelle durch seine Körperhaltung die richtige Tanzhaltung eingenommen.
Diesmal behutsamer umfasste er ihre Taille und zog sie nach oben. Daraufhin wurde ihr Bild direkt größer.


„Haltung, Girl, Haltung. Du hast es mir gerade bewiesen. Wo ist dein Shape? Good girl. Jetzt stehst du perfekt da und bitte verliere diese Haltung jetzt nicht.”
Wieder nahm er ihre Hände und legte sie ihm auf die Brust. „Orientierung. Folge mir. Orientiere deine Bewegung und dein Schlüsselbein an meinem Körper. Dein Körper muss sich bewegen. Nicht deine Arme oder dein Kopf. Bewege dein Zentrum. Aber verliere mich nicht.“
Und dann begann er zu tanzen und sie folgte ihm in einer Leichtigkeit als hätte sie noch nie etwas anderes getran. Und zum ersten Mal fühlte es sich an als würde sie tanzen. Als würde sie parallel und perfekt zusammengeschweißt wie zwei Puzzelteile tanzen. Eine Einheit sich bwegend im Raum.
Sie wusste nicht wie viel Runden sie machten, aber er tanzte Figuren mit ihr, die sie noch nie zuvor getanzt hatte, er korrigierte die Haltung an den verschiedensten Stellen und manchmal die Fußarbeit und die Schritte und dennoch trennten sie sich nie voneinander. Die Haltung hatten sie und sie verinnerlichte diese. Ihr Rücken und ihre Biegung war perfekt ausgeführt und als er den Tanz beendete drehte er sie sogar aus wie auf einem richtigen Turnier.
„Du bist mehr als ein Talent.“
Er atmete schwer vor Anstrengung und auch sie keuchte. Schweiß lief ihr den Rücken und die Stirn hinab. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen. Dann sah er sie direkt an.
„Bitte, lass uns noch ein paar Mal trainieren. Ich habe das Gefühl, dass wir es weit bringen können.“
Sie sah ihn erschrocken an.
„Ja, das habe ich vor. Ich habe noch nie in so einer Perfektion getanzt.“

Fotos by J.H. Artworks

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