Mit dir – Hannah und Jonathan

Geschichten

Ich stand neben ihm und atmete seinen Duft ein. Seine Hand lag auf meinem Rücken und gab mir ein beschützendes und beruhigendes Gefühl. Er behielt seine Hand immer dort. Immer. Egal wo wir uns befanden.
Es beruhigte mich jedes Mal, wenn er so nah bei mir war. Ohne ihn würde ich das niemals schaffen. Ich war stark und das wusste ich, aber nicht so stark wie er. Er hatte seine Nervosität viel besser unter Kontrolle. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass er das Ganze schon öfter mitgemacht hatte als ich.
Durch die deckenhohen Fenster des großen Saals schien jetzt die Sonne leuchtend vom Himmel und ließ kleine Lichtflecke auf seinem Jackett tanzen.
Ich verlor mich in dem Spiel des Lichts und bemerkte überhaupt nicht, wie ich langsam immer ruhiger atmete. Ich verlor mich in dem entspannten Gefühl von Ruhe und schloss die Augen. Alles was ich jetzt noch wahrnahm, war das Sonnenlicht, welches meine Lider fast schon streichelte und seine sanfte Berührung an meinem Rücken. Ich konnte unsere Nähe fühlen, denn wir standen dicht beieinander, berührten uns ganz leicht mit unseren Oberkörpern. Mein Gesicht war seiner Brust zugewandt, während er vermutlich seinen Blick durch den Saal wandern ließ. Er war einen Kopf größer und hatte somit eine gesunde Größe, um das Geschehen gut beobachten zu können. Zumindest glaubte ich, dass er sich umsah, denn sprechen konnte ich ihn nicht hören. Angesicht der Tatsache, dass er auf diesen Turnieren viele Menschen kannte, hätte auch das sein können. Ich kannte mittlerweile auch viele von den Tänzern und Trainern, außerdem reisten unsere Familie und Freunde meistens mit uns, aber mir stand in solchen Situation nicht nach Smalltalk.
Es war eigentlich auch egal, was er tat. Er war hier, bei mir, beruhigte mich und das war alles was zählte.


Jetzt spürte ich wie seine Hand auf meinem Rücken langsam anfing mich zu streicheln. Langsam beugte er sich zu mir herunter und flüsterte sanft mit seinen weichen Lippen an meinem Ohr,
„Geht es dir besser? Du fühlst dich ruhiger an.“Ich begann zu lächeln. Er kannte mich einfach schon so gut. Er wusste und fühlte genau, wann ich aufgeregt und nervös war. Langsam nickte ich, drehte mein Gesicht zu seinem und öffnete die Augen. Meine Lippen berührten fast seine Wange. Er richtete sich ein klein wenig auf, um mir in die Augen sehen zu können und mir raubte es bei seinem behutsamen und liebevollen Blick fast den Atem. Vorsichtig streichelte er mit einem Finger meine Wange und lächelte mir aufmunternd zu.
„Du bist wunderschön“, flüsterte er zärtlich. „Deine Idee war wundervoll und das werden wir ihnen jetzt zeigen. Ich stehe voll und ganz hinter dir, das weißt du. Und genau deswegen, weil wir ein Team sind, vielleicht sogar das Beste…“
Er hatte so Recht und ich war ihm so dankbar dafür. Ich legte einer meiner kleinen Hände an seine Wange und streichelte ihn ebenfalls. Zärtlich hauchte er mir einen Kuss auf die Lippen und nachdem wir beide diesen kleinen Moment der Stille, Ruhe und Zuneigung genossen hatten, nahm ich die Welt um mich herum langsam wieder war.
Stimmengewirr erfüllte den großen Saal, in dem sich durch den Hall noch alles viel lauter anhörte. Ich hörte den Sprecher über die Lautsprecher das nächste Paar ankündigen und danach die Walzermusik. Wir standen an unserem Tisch und hatten etwas Platz, doch um uns herum drängten sich die Menschen, die ebenfalls an Tischen saßen und teilweise schon standen. Der Saal war brechend voll. Jubelrufe. Handys, die filmten. Und irgendwo die Sonne, die das laute Spektakel golden und magisch leuchten ließ, als wüsste sie überhaupt nicht, dass es der Saal und die Menschen darin eigentlich nicht verdient hatten, denn sie wussten die Schönheit nicht zu schätzen.
Ich seufzte einmal tief und atmete dann langsam ein und aus. Ich war innerlich so ruhig, dass mich der Tumult nicht mehr aus der Fassung brachte.
Seine Hand lag immer noch auf meinem Rücken, was mir Stabilität in meiner inneren Ruhe gab. Ich sah kurz zu ihm auf und er lächelte.
„Kommen wir nun zum letzten Paar unseres Finales. Mit der Startnummer 15 sehen wir jetzt Jonathan Steinfeld und Hannah Bergsteiger.“
Seine Hand verließ für ein paar Sekunden meinen Rücken, nur um meine Hand zu nehmen und mir dann mit einem leichten Druck zu verstehen zu geben, dass wir das schaffen würden.
Meine Familie und unsere Freunde, die an unserem Tisch saßen, und die sich jetzt erst jetzt wieder in mein Blickfeld schoben, nickten uns zu und ließen kleine aufmunternde Bemerkungen fallen. Sie wussten alle, dass wir unsere Ruhe brauchten und blieben vor dem Turnier meistens ruhig, wofür ich ihnen sehr dankbar war.
Mila, meine beste Freundin, drückte mir meine freie Hand und lächelte. In diesem Moment war ich ihr unglaublich dankbar dafür.
Er führte mich langsam zum Rand der Tanzfläche, sah mich nochmal kurz mit einem liebevollen Blick an, dann setzte er sein Showgesicht auf und auch ich fing an übertrieben zu Lächeln. Da wurde mir bewusst, dass wir genau das lassen wollten. Gewohnheiten und jahrelanges Training legt man nunmal nicht so schnell ab. Ich schüttelte den Kopf und drückte kurz seine Hand als Zeichen dafür, was mir aufgefallen war. Er verstand sofort, sah zu mir und grinste mich dann ehrlich an. Ich musste bei seinem fröhlichen Anblick anfangen zu lachen, ging zu ihm, gab ihm einen Kuss auf die Wange und drehte mich auf die Tanzfläche. Alle Aufregung schien ab dem Moment verflogen, als wir angefangen hatten die strengen Turnierregeln neu zu definieren. Er kam mir hinterher, hob mich von hinten nach oben und ich streckte mich. Dabei musste ich lache, weil es einfach so viel Spaß machte.


Und da fiel mir plötzlich auf wie still es geworden war. Der ganze Saal schien zu schweigen. Selbst der Sprecher schwieg und Musik lief auch noch keine.
Es schien als hätte der ganze Saal die Luft angehalten.
Ich lächelte ihn an und er lächelte glücklich zurück. Wir hatten erreicht was wir erreichen wollten.
Bevor wir die Tanzhaltung einnahmen flüsterte er mir noch ins Ohr, „Und genau deswegen, weil wir ein Team sind, vielleicht sogar das Beste… gegen jede Regeln.“
Ich nickte entschlossen. Der DJ war wohl wieder zur Besinnung gekommen, denn unser Song setzte ein.
Unsere Bewegungen waren präziser und graziler als je zuvor. Wenn nicht schon sehr nahe an der Perfektion. Wir waren so ruhig und gelassen, mit uns selbst im Reinen, auf die Tanzfläche gegangen, dass wir nun unsere beste Leistung abrufen konnten. Ich spürte seine starken, bewussten und perfekt ausgeführten Schritte, in die ich mich hineinschmiegte wie ein Bild in einen perfekt dafür eigens angefertigten Bilderrahmen. Wir wurden zu einer Einheit. Verschmolzen in unseren Bewegungen und gaben uns der Musik hin. Ich spürte das Parkett nicht mehr unter meinen Füßen. Ich hatte das Gefühl, ich würde schweben.
Und kaum hatte der Tanz begonnen, war er schon zu Ende. Die Zeit war vergangen wie im Flug. Kurz musste ich meine Orientierung wieder finden. Ich hatte nur ihn wahrgenommen und den ganzen Saal ausgeblendet.
Klatschen trat jetzt in mein Bewusstsein und sobald ich aus der Trance unsers Tanzes erwachte nahm ich wahr, wie die Wände und der Boden unter dem Getose der Menge bebte. Mein Blick wanderte zu ihm und er schloss mich in seine Arme. Wir hatten es geschafft. Die Menge war begeistert. Kein Stocken, keine fragenden Gesichter. Einfach nur ein ganz großes und lautes Honorieren unseres langen und aufwendigen Trainings. Er gab mir einen leichten zarten Kuss auf meine Wange und ich wusste noch mehr als je zuvor, dass wir alles richtig gemacht hatten.
Jetzt tönte aus den Lautsprechern der Sprecher.
„Das waren Jonathan Steinfeld und Hannah Bergsteiger mit dem Langsamen Walzer.“
Der Jubel brannte nochmal in der Halle auf und nun konnte ich auch deutlich den Tisch unserer Familien und Freunde ausmachen, die lautstark ihre Freude und ihren Zuspruch ausdrückten. Ich musste etwas grinsen. Sie standen einfach immer hinter uns.


Und da sah ich sie. Die anderen Paare am Tanzflächenrand. Und ich sah Sarah. Die gerade innig auf einen der Preisrichter einredete. Und ich wusste sofort, was sie sagte. Jonathan hatte bereits seine Hand wieder auf meinem Rücken und war meinem Blick gefolgt.
„Sollen wir eine Stellungnahme abgeben?“, fragte er mich flüsternd. Ich verengte kurz die Augen und beobachtete den Gesichtsausdruck des Preisrichters, der jetzt Gesellschaft von den anderen vier Richtern bekam. Er schien etwas auf Sarah einzugehen, wurde dann aber anscheinend durch seine Kollegen einer anderen Meinung belehrt, denn Sarah ging schmollend zu ihrem Tanzpartner zurück.
Ich drehte mich zu Jonathan um und schüttelte kurz den Kopf. Er nickte, zog mich in seine Arme und wir gingen von der Tanzfläche. Währenddessen sagte er leise zu mir, „Wir werden das jetzt einfach aussitzen und abwarten. Im Übrigen sind wir gut vorbereitet.“
Als wir durch die Menge zu unserem Tisch liefen, hörte ich das Geflüster. „Was denken sie eigentlich? Dass sie etwas Besonderes sind?“, „Was trug sie denn für ein Kleid? Ist das überhaupt erlaubt?“, „Warum macht er da mit? Das hat ihm seinen ganzen Auftritt zerstört.“
Auch wenn die Menge vorher getobt hatte, jetzt bekam ich doch die ganzen bissigen und fiesen Kommentare über unseren kleinen rebellischen Auftritt zu hören. Er schien das wohl auch wahrzunehmen, zog mich noch enger an sich und gab mir einen beruhigenden Kuss aufs Haar bis wir an unserem Tisch ankamen. Seine Mutter nahm mich in die Arme.
„Das war einfach wundervoll Hannah. Du sahst aus wie ein schwebender Engel.“
Mein Vater klopfte ihm anerkennend auf die Schultern.
„Junge, das war einfach Klasse.“
Ich musste lächeln. Es war einfach schön zu sehen, wie unsere Eltern hinter jedem von uns standen und zu jedem Turnier mitkamen. Und jetzt, als wir unsere Idee den Tanzsport ein bisschen zu modernisieren, in die Tat umsetzten, umso mehr. Mila kam zu mir und drückte mich am Arm. Ich lächelte und schloss dann auch sie in die Arme. Lars, der beste Freund von Jonathan und seine Freundin Lilli, standen jetzt auch auf, um uns zu beglückwünschen. Und bei all den herzlichen Menschen waren die die bissigen Kommentare auch schon wieder vergessen.
Ihm und mir war klar gewesen, wenn wir diesen kleinen Schritt wagten und ich eben kein glitzerndes, mit Pailletten besticktes Tanzkostüm tragen würde, dass es Gerede geben würde. Dass wir sogar disqualifiziert werden könnten. Das war uns beiden bewusst gewesen. Und dennoch hatten wir uns dafür entschieden. Denn wir wollten Aufmerksam machen. Auf den Tanz und die Sportlichkeit der Bewegungen. Auf den Körper, der nicht verhüllt werden sollte, bei so viel wunderschöner Eleganz in der Ausführung.
Er hatte das sogar mehr unterstützt und vorangetrieben als ich, denn ich war in solchen Sachen einfach immer noch so schüchtern.
Doch nun hatte ich lediglich einen engen weißen Body mit einem fast durchsichtigen Rock getragen. Einfach und trotzdem schön. Und es war ihm und mir leichter gefallen uns zu bewegen. Zu zeigen wie viel Training notwendig ist, um die Körper so exakt bewegen zu können. Und darauf kommt es doch an. Darauf kam es an. Aufs Tanzen.

Fotos by J.H. Artworks

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