Ich bin nur 11 Minuten entfernt und ich habe dich den ganzen Tag vermisst

Geschichten

I’m 11 minutes away and I have missed you all day
I’m 11 minutes away, so why aren’t you here? 

Als sie ihre Augen aufschlug schien bereits die Sonne zum Fenster herein und kaum war sie richtig wach hatte sie bereit den Entschluss gefasst heute rauszugehen. Sie musste ihren Gedanken irgendwie entkommen. Irgendwie den Tag genießen. Irgendwie schauen, dass sie sich ablenkte. Und das Wetter lud ja geradezu ein, sich draußen zu beschäftigen.
Ihr Weg führte zuerst unter die Dusche. Und als sie dort stand und das warme Wasser ihren Körper hinab lief, holten sie die Erinnerungen ein. Seine Hände, sein Geruch, seine geflüsterten Worte und seine Zuneigung. Ohne dass sie es wollte, vermischten sich warme Tränen mit dem Wasser der Dusche. Und ganz langsam sank sie in die Knie bis sie ihre Stirn am Glas der Duschwand anlehnte. Erschöpft von den Gefühlen, die sie immer wieder zu übermannen versuchten ließ sie das kühle Glas auf ihrer Haut ihre erhitzten Gedanken beruhigen bis sie sich sicher war wieder aufstehen zu können.  

I think I missed you callin’ on the other line
I’m just thinkin’ all these thoughts up in my mind
Talkin’ love but I can’t even read the signs
I would sell my soul for a bit more time
You stain all on my body like you’re red wine
You’re the fuckin’ acid to my alkaline
You run your middle finger up and down my spine
I’m sorry there was no one to apologize 

Sein Wecker blinkte im Strahl der Morgensonne, welcher durch die Jalousie hereinfiel. Ihn hatte der nervige Piepston geweckt und nachdem er ein Blick auf die Uhrzeit geworfen hatte verdrehte er die Augen und drehte sich Richtung Fenster. Einen kurzen Moment, wirklich nur ein ganz kurzer Augenblick, wanderten seine Gedanken zu ihr, denn sie war garantiert schon wach und fit. Und dieser kleine Gedanke war ein Fehler, denn nun holten ihn seine Erinnerungen ein und er musste schwer schlucken. Er schloss kurz die Augen, um sich wieder in den Griff zu bekommen und stand dann auf. Das kühle Wasser der Dusche beruhigte seinen Kopf und als er sich kurz an die Duschwand lehnte versuchte er sich auf den bevorstehenden Tag zu konzentrieren. 

I’m 11 minutes away and I have missed you all day
I’m 11 minutes away, so why aren’t you here? 

Sie stieg die letzten Meter des Berges nach oben und nun lag ein wunderschöner Anblick übers Tal vor ihr. Die Sonne schien und ließ die Wälder und Wiesen leuchten. Es war angenehm warm und die Vögel zwitscherten in den Bäumen um sie herum an diesem herrlichen Frühlingstag. Ihr Hund prustete Blütenstaub aus der Nase, als er hinter ihr den Anstieg nach oben kam und nun ebenfalls ins Tal hinunter blickte. Sie lachte und strich ihr einmal übers Köpfchen. Als sie ihren Blick wieder zum Horizont wandte freute sie sich an den weißen Schäfchenwolken, die am Himmel standen. Es war eine gute Idee gewesen heute loszuziehen und den Tag draußen zu genießen. Sie atmete tief ein, schloss die Augen und genoss die Sonne auf ihrer Haut. 

I’m so fuckin’ sorry, I’m so fuckin’ sorry
I’ve been playing somebody and it’s helping nobody
And her lipstick arithmetic didn’t stick 

Er trat aus der Tür und konnte den Frühling schon regelrecht riechen. Seine Laune steigerte sich sofort, als er die Sonne am Himmel stehen sah und die Vögel in den Bäumen vor dem Haus zwitschern hörte. Seine Trainingstasche hing über seinen Schultern und er ging mit der besten Laune über die Felder zum Bahnhof. Die Gedanken daran, den ganzen Tag im Saal zu stehen bei diesem Frühlingstag verdrängte er erstmal noch. Aber er freute sich darauf, endlich wieder das tun zu können, was ihm am meisten Freude bereitete. Und sei es nun bei so einem wunderschönen Wetter drinnen. 

And now I’m sick, throwing fits
And yeah, I’ve seen you in my head every fuckin’ day since I left
You on the floor with your hands ’round your head
And I’m down and depressed
All I want is your head on my chest
Touchin’ feet, I’m 11…  

Als sie die Haustüre aufschloss war es gerade Mittag und sie öffnete in ihrer Wohnung alle Fenster, damit die schöne Luft auch ihr kleines Reich erfüllen konnte. Ihre Hündin legte sich auf die Terrasse in die Sonne und streckte die Nase in den Wind. Sie machte sich einen Tee und setzte sich dann neben sie. Tief einatmend versuchte sie die Ruhe um sie herum zu genießen, ohne dass ihre Gedanken zu sehr abwanderten. Doch es wollte ihr nicht so richtig gelingen. Jedes Mal, wenn sie sich entspannte tauchte er vor ihr auf. Was war nur passiert? 

I’m 11 minutes away and I have missed you all day
I’m 11 minutes away, so why aren’t you here? 

Er zog sich um, schwer konzentriert keinen Gedanken an heute Morgen und somit sie zu verschwenden und dennoch fiel es ihm schwer. Die Sonne schien durch das kleine Fenster der Umkleide und er wusste, wie viel es ihr jetzt bedeutete draußen sein zu können. Er stellte sich vor was sie gerade tat und musste sich dann schwer zusammenreißen nicht sein Handy in die Hand zu nehmen. Schnell zog er sein Shirt über und ging dann aus der Umkleide in der Hoffnung so auch vor seinen Gedanken weglaufen zu können, doch als er dann im Saal stand, der von den bodentiefen Fenstern ausgefüllt war mit dem ganzen Licht der Sonne tauchte ihr Bild vor ihm auf, wie sie mitten auf einer sonnenbeschienen Wiese stand und ihre blonden Haare zu leuchten schienen und ihr Lachen sie völlig in seinen Bann zog. Eine Berührung am Arm ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Er begrüßte sie mit einem halbherzigen Lächeln und sie sah in mitleidig an. Sie hatte bereits Musik eingeschalten und in der Hoffnung seine Gedanken mögen endlich ruhig sein, wenn er sich bewegte nahm er die Haltung ein, um mit ihr zu beginnen. 

Tell me what you need, I can make you more than what you are
Come and lay the roses on the floor, every single Sunday, don’t get bored
I just want to freeze, I can give you more than what you are
Now I see you standing all alone, I never thought the world would turn to stone 

Sie genoss die Sonne auf ihrer Terrasse während sie ein Buch las und somit ihren Kopf in Schach hielt. Wie konnte man über Sachen nachdenken, wenn man gerade las? Ein guter Trick sich abzulenken. Sie behielt immer wieder die Uhr im Auge, denn sie musste sich noch fertig machen und richten. Ihre Hündin lag in der Sonne und ließ die Strahlen ihren Bauch wärmen. Sie musste bei dem Anblick einfach lächeln so süß war sie. Und dann versank sie in einer Passage des Buches und als sie wieder aufsah stand die Sonne bereits tief am Horizont. Sie richtete sich auf und ging nach drinnen um sich für den Abend fertig zu machen. 

So call me stupid, call me sad
You’re the best I’ve ever had
You’re the worst I’ve ever had
And that keeps fuckin’ with my head 

Sie hatten sich zwei Stunden bewegt und es hatte sich gut angefühlt. Sie nickte ihm zu, als er meinte, dass sie das Ganze schon schaffen würden. Zusammen gingen sie zu ihrem Auto und sie fuhr nochmal kurz bei ihm vorbei, damit er sein Frack holen konnte. Das Turnier fand in der Nähe und am Abend statt weswegen sie Zeit hatten und sich nicht beeilen mussten. Jetzt konnte er einfach nicht mehr anders, er musste sein Handy aus seiner Trainingstasche kramen. Doch als er auf sein Display blickte war es leer. Keine neue Nachricht. Nur das ewige Bild von ihr im Hintergrund, welches jetzt eher hämisch anstatt freundlich wirkte. 

I’m 11 minutes away and I have missed you all day
I’m 11 minutes away, so why aren’t you here?
 

Sie stieg ins Auto. Ihre Hündin hatte sich von der Terrasse auf das Sofa verzogen und würde dort schlafen bis sie heute Nacht irgendwann nach Hause kam. Sie schaltete das Radio ein, als sie aus ihrer Einfahrt fuhr. Es war bereits dunkel und die Straßenlaternen beschienen die Straße, als sie auf dem Weg zur Autobahn durchs Dorf fuhr. Es war nicht weit und ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie mehr als pünktlich kommen würde. Im Hintergrund hörte sie jetzt wie ein ihr nur zu gut bekanntes Lied im Radio angespielt wurde. Gemischte Gefühle breiteten sich in ihr aus und ihr Gedanken schienen plötzlich Purzelbaum zu schlagen. War das Ganze eine gute Idee? Sollte sie das wirklich tun? Sie atmete tief durch. Ja, diese Idee war besser gewesen wie alle, die sie bisher gehabt hatte. Also würde sie das jetzt tun. Egal was passierte. 

So call me stupid, call me sad
You’re the best I’ve ever had
You’re the worst I’ve ever had
And that keeps fuckin’ with my head 

Es herrschte großer Trubel in der Umkleide und er wünschte sich zurück in sein Bett am Morgen mit dem leichten Sonnenstrahl auf dem Körper. Hektische Rufe und Laute, Lautsprecherdurchsagen, die abgehakt durch die immer wieder geöffnet werdende Umkleidetüre hereinhallten. Mädels, die die Köpfe hereinsteckten und nach ihren Partnern Ausschau hielten. Jungs und Männer, die sich gegenseitig Mut zusprachen, sich begrüßte, umzogen und noch die Haare stylten. Und er mitten drin. Ruhig und still. Und dennoch nervös. Aber nicht wegen dem was kam. Denn er hatte das schon so oft gemacht, dass er mittlerweile Routine darin empfand. Nein, wegen einer ganz anderen Sache. Aber sein Handy zeigte immer noch keine neue Nachricht
Er seufzte einmal auf steckte seine Wertsachen in eines der Schließfächer und verließ dann die Umkleide. 

You’re 11 minutes away and I have missed you all day
So why aren’t you here?

Sie betrat den großen Saal durch die Flügeltüren. Es herrschte reges Treiben und unter den Gästen wimmelte es überall von Tänzern in den schönsten Kleidern und den tollsten Frisuren. Es war als käme sie in eine andere Welt. Und doch war es eigentlich nur eine Türschwelle. Noch nie war sie sich so einsam vorgekommen. Auf der Tanzfläche hatte das Turnier bereits begonnen. Ein Langsamer Walzer für die erste Gruppe lief und die Zuschauer an ihren Tischen starrten gebannt auf das Geschehen auf dem Parkett während im Hintergrund die verschiedenste Menschen noch aufgeregt durch den Saal liefen, um noch irgendetwas zu organisieren. Sie stand da etwas verloren am Eingang und bewegte sich im Hintergrund am Rande der Tanzfläche entlang um ans andere Ende des Saals zu gelangen. Und da hörte sie ihren Namen. Leise und völlig verwundert. Eher ein Gebet wie ein Ausruf. Und sie drehte sich um. 

So why aren’t you here? 

Er wartete vor der Umkleide der Damen auf sie und als sie heraus kam lächelte er sie an. Sie nickte nur unter dem ganzen Make up und den gemachten Haaren war sowieso nicht mehr viel zu erkennen. Nach einem kurzen Blick auf den Anzeigedisplay war klar, dass sie nur noch zehn Minuten warten mussten und dann an die Reihe kamen. Er hatte sich bereits etwas warm gemacht und auch sie dehnte jetzt nochmal ihre Beine. Das nachmittägliche Training war eine gute Idee gewesen, denn er spürte, dass er noch fitter war. Im Augenwinkel nahm er plötzlich ein Gesicht wahr und er drehte sich schlagartig um. Und doch, er hatte sich nicht geirrt. Sie war es. Etwas hilflos sah sie auf die Tanzfläche und den Paaren bei ihrer dritten Runde zu. Unterbewusst und leise wie ein Gebet hauchte er ihren Namen und in diesem Moment drehte sie sich um. 

So why aren’t you here? 

In diesem Moment hatte sie das Gefühl als würde die Zeit stehen bleiben. Seine braunen Augen nahmen sie gefangen und sie hatte plötzlich einen unglaublichen Drang ihn in die Arme zu schließen. 

You’re 11 minutes away and I have missed you all day 

Er hatte das Gefühl als würde die Zeit stehen bleiben, nachdem er in ihre blauen Augen sah. Diesen weiten unergründlichen unfassbar schönen Augen. 

So why aren’t you here? 

Sie trat einen Schritt auf ihn zu und sah wie er nun ebenfalls auf sie zuging. 

So why aren’t you here? 

Und ohne, dass er sich noch kontrollieren konnte zog er sie an sich und küsste sie. Das war alles was er in diesem Moment brauchte. Sie. Und sie war hier. Das größte Geschenk überhaupt. 

So why aren’t you here?

(11 minutes – Halsey and YUNGBLUD)

Fotos by J.H. Artworks

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