Halt mich fest

Gefühle, Geschichten

Ich betrat den großen Tanzsaal und gewöhnte meine Augen erstmal an die Dunkelheit. Ich verzichtete darauf das Licht einzuschalten. Mein Blick fiel aus den Panoramafenster zu denen das Mondlicht hereinschien und den Parkettboden mit einem milchigen Schein bedeckte. Ich streifte meine Jacke von den Schultern und ließ sie auf einen der Bänke an der Wand fallen. Dann zog ich meine Schuhe aus und ließ sie ebenfalls dort stehen. Ich schloss die Augen, als ich am Fenster stand und das Mondlicht auf mein Gesicht scheinen ließ. Tief sog ich die Luft ein und fühlte die Stille, die Ruhe und die Magie der Nacht. Dann ging ich zur Anlage und schloss mein Handy an, um Musik laufen zu lassen.
Eine sanfte Melodie erfüllte den riesigen Saal und über mein Gesicht wanderte ein zufriedenes Lächeln.

Gefühle lauwarm
Kein Ja, kein Nein und sowieso
Ganz allgemein kann
Ich nicht erkenn’n, was ich tun soll

Ich stellte mich in die Mitte des Saals und schlang die Arme um mich. Dann ließ ich meinen Kopf langsam einmal kreisen. Meine Arme wanderten meinen Körper entlang, als wollte ich mich selbst wärmen. Langsam ließ ich meinen Gedanken freien Lauf und in mir brachen die Gefühle aus. Sie wollten raus. Sie wollten sagen, was los war. Sie wollten sich Luft machen. Tränen traten mir in die Augen und liefen langsam über meine Wange.
Lass sie raus. Lass sie raus. Lass sie raus.

Dreh’ die Zeit
Nur ein Stück zurück
Wir driften zu weit
Voneinander fort

Tanzpose

Und dann fing ich an zu tanzen. Langsam bewegte ich mich über das Parkett. Meine sanften Bewegungen bildeten sich aus meinen Gedanken und Gefühlen tief in meinem Inneren. Ich musste ihnen Ausdruck verleihen. Ich konnte es nicht länger in mir behalten. Ich konnte einfach nicht mehr. Schweigen. Stille. Das machte mich innerlich fertig. Und alles was ich konnte war tanzen. Ich wollte es rauslassen. Alles zeigen. Raustanzen.

Also bitte weck’ mich nicht, wenn unser Kartenhaus zerbricht
Lieber versteck’ ich mich, als dazusteh’n um zuzuseh’n
Wie alles, was wir war’n zugrunde geht in dem Orkan
Den wir beschworen haben, halt mich fest, bis es nachlässt

Seine Blicke. Seine Worte. Erinnerungen. Schmerzen. So viel Schmerz. Mein Herz fing an schneller zu schlagen. Meine Füßen fühlten die Erde, den warmen Parkettboden, bewegten sich leicht und dennoch schwer. Meine Arme wurden heiß, als sich der Schmerzen von meinem Herz ausbreitete auf meinen Körper.
Was war nur passiert? Ich drehte mich einmal durch den Saal. Am Ende ging ich in die Knie und vergrub meinen Kopf in meinem Schoß. Die Tränen liefen erbarmungslos.

Boden aufgerichtet

Flagge auf Halbmast
Beide Parteien kapituliert
Passend zum Anlass
Wütet der Himmel über mir

Sanfte Berührungen an meinen Armen ließen eine Gänsehaut über meinen Körper laufen. Ich fühlte seine Lippen an meinem Hals und roch ihn. Ich wusste, dass er es war. Ich konnte ihn schon immer spüren, wenn er in meiner Nähe war. Es wunderte mich nicht, dass er nun hier war. Er wusste, dass ich hier war, wenn ich nicht schlafen konnte. Und wenn es zwischen uns zwei Probleme oder Differenzen gab.
Er merkte, wenn ich nicht mehr neben ihm im Bett lag, stand auf und war meistens kurz nach mir hier. Langsam rollte ich mich auf und richtete mich auf. Ich konnte nun seinen ganzen Körper an meinem Rücken fühlen. Vorsichtig strich er mit seinen Fingern meinen Arm entlang und legte seine Hand in meine. Seinen anderen Arm schlang er um meinen Bauch. Ich senkte den Kopf um ihn kurz darauf nach links zu drehen.

Dreh’ die Zeit
Nur ein Stück zurück
Wir driften zu weit
Voneinander fort

Er drehte mich aus und ich dann weiter, ein paar Meter von ihm weg. So standen wir da und schauten uns im Dunkeln an. Er ging einen Schritt auf mich zu. Ich fühlte und hörte die Musik und begann mich wieder zu bewegen. Kurz sah er mir zu bevor er sich mir anpasste und auf mich zukam. Er berührte mich an der Hüfte und passte sich dem Rhythmus meines Körpers an. Dann umschlag er mich mit seinen Armen, um mich kurz darauf wieder loszulassen. Ich ging von hinten auf ihn zu. Legte meinen Kopf auf seinen Rücken. Küsste seine Schulter, während meine Tränen sein Shirt durchnässten.

Er und ich

Also bitte weck’ mich nicht, wenn unser Kartenhaus zerbricht
Lieber versteck’ ich mich, als dazusteh’n um zuzuseh’n
Wie alles, was wir war’n zugrunde geht in dem Orkan
Den wir beschworen haben, halt mich fest, bis es nachlässt

Der Sturm unserer Gefühle von heute Mittag zog über uns auf und ich fühlte wie wir beide wieder wütend wurden. Ich stieß mich von ihm ab und wurde schneller in meinen Bewegungen. Er ließ den Kopf hängen und ging dann ein paar Schritte von mir weg. Ignorierte, dass ich anwesend war und ich bekam seine Kälte die komplette Breitseite zu spüren. Das zwang mich wieder in die Knie und ich fing an zu zittern.
Er spürte das, drehte sich um und ich sprang ihm in die Arme. Er drehte mich ein wenig bis er langsam in die Knie ging und uns auf den Boden setzte.

Wir beide hängen an seidenen Fäden
Wir müssen gar nicht weiter drüber reden
Wir beide klammern uns an was, das nicht mehr ist
Nur für den Augenblick

Vorsichtig legte er seinen Finger unter mein Kinn und hob meinen Kopf, damit ich ihm in die Augen sehen musste. Das Mondlicht spiegelte sich in seinen Augen und ich konnte jetzt erkennen, dass er auch kämpfte. Im Inneren, mit allem was passiert ist.
Er nahm mein Gesicht in seine Hände und ich schloss die Augen. Die Berührung fühlte ich bis in mein Herz.
Seine Stirn sank langsam auf meine und so saßen wir da. Unsere Gefühle und Gedanken verbanden sich. Und langsam verschmolzen wir wieder zu einer Einheit.

Also bitte weck’ mich nicht, wenn unser Kartenhaus zerbricht
Lieber versteck’ ich mich, als dazusteh’n um zuzuseh’n
Wie alles, was wir war’n zugrunde geht in dem Orkan
Den wir beschworen haben, halt mich fest, bis es nachlässt.

Langsam wurden die Schmerzen weniger. Bis sie weg waren und wir uns nur noch hielten. Uns festhielten, bis es nachgelassen hatte.

Boden Zusammen

(halt mich fest – madeline juno)

Fotos by J.H. Artworks

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