Weihnachten – Teil 2

Geschichten

Am nächsten Tag wachte ich von einem Geräusch im Nebenzimmer auf. Ich konnte es nicht genau definieren, doch ich hörte Stimmen. Langsam setzte ich mich auf und schaltete meine Nachtischlampe an. Elf Uhr. Das ganze Haus war noch still, außer den Stimmen neben mir im Nebenzimmer. Ich stand auf und öffnete die Vorhänge an meinem Fenster. Die Sonne strahlte mich an. Ich lächelte dem neuen Tag, dem ersten Weihnachtsfeiertag entgegen. Danach holte ich mir Klamotten aus dem Schrank und ging ins Badezimmer. Nachdem ich mich ausgiebig geduscht und mich angezogen hatte, wollte ich runter in die Küche gehen um etwas aufzuräumen. Wir hatten gestern einfach alles liegen gelassen. Doch da fiel mir ein, dass ich meine dreckigen Klamotten gleich in den Keller mitnehmen konnte, um sie zu waschen. Als ich noch einmal in mein Zimmer gehen wollte, hörte ich wieder Stimmen aus dem Nachbarzimmer. Die Tür war einen Spaltbreit geöffnet. Ich konnte Natalie erkennen, die vor dem Bett stand und Klamotten in eine Reisetasche packte. Irgendwo war Lars, denn seine Stimme hörte ich jetzt deutlich.
„Was tust du denn da?“, fragte er fassungslos. Seine Stimme war brüchig.
Natalie hielt inne und schaute etwas nach rechts. Wahrscheinlich stand er dort.
„Lars, wir kennen uns jetzt seit September also nicht ganz vier Monate. Seit einem Monat sind wir zusammen. Ich liebe dich. Und das was ich jetzt tue wird nichts, aber echt absolut überhaupt nichts, an meinen Gefühlen ändern. Lars, ich bin nicht die Richtige für dich. Die Richtige gibt es und wir verbringen fast jeden Tag mit ihr. Sie braucht dich und sie ist perfekt für dich. Bei ihr ist alles perfekt für dich. Sie gehört zu dir wie ein anderes Puzzlestück. Du tust alles für sie. Halt! Du machst auch alles für mich. Das stelle ich auch überhaupt nicht in Frage.“
Natalie verließ den Platz vor dem Bett und ging in die Richtung in die sie gerade geschaut hatte. Ich konnte sie jetzt nicht mehr sehen. Nur ihre Stimme hörte ich noch klar.
„Sofie ist dein Mädchen. Auch wenn du das jetzt nicht so siehst, du wirst es mir irgendwann danken. Und auch jetzt, wenn es dir schwer fällt und es weh tut. Der Schmerz vergeht schnell, denn ich war nie die Richtige. Ich bin es nicht. Und irgendwann wird es dir klar werden. Irgendwann. Das muss noch gar nicht jetzt sein. Aber es wird kommen.“
Ich erschrak. Was redete sie da? Sie wollte doch jetzt nicht ernsthaft mit ihm Schluss machen nur wegen MIR. Ich hörte Lars erstickte Stimme.
„Sofie ist meine beste Freundin, Natalie. Ich kenne sie seit meiner Kindheit. Das hat aber absolut nichts mit Liebe zu tun. Ich liebe dich. Natalie…“, seine Stimme brach ab. Jetzt konnte ich Natalie wieder sehen, wie sie noch ein paar letzte Klamotten in die Tasche packte und sie sich dann über die Schulter warf.
Sie drehte sich halb um, doch Lars hielt ihre Hand fest. Sie hielt inne. Lange betrachtete sie seine Hand, wie sie ihre umschloss. Dann schaute sie zu seinem, für mich nicht sichtbares, Gesicht
„Du musst loslassen. Nur so kannst du Neues entdecken. Die Richtige zulassen, damit du dein Leben glücklich verbringen kannst.“
Mit diesem Satz zog sie ihre Hand weg und ging aus dem Zimmer, an mir vorbei, die Treppe hinunter. Lars rannte ihr hinterher, bis zur Zimmertür und rief, „Natalie!?“
Da entdeckte er mich, wie ich erstarrt und völlig fassungslos vor seiner Tür stand. Er schaute mich mit Tränen in den Augen an. Sein Blick war unergründlich. Dann schlug er die Tür zu. Ich hörte, wie draußen ein Auto wegfuhr.

 

Ich konnte nichts denken, nichts fühlen, mich nicht bewegen. Was war da passiert? Was hatte Natalie gerade getan? Wut machte sich in mir breit. Wie konnte sie das Lars nur antun? Und alles war wegen mir. Meine Schuld. Langsam kam wieder Bewegung in mich. Ich rannte. Ich lief die Treppe hinunter, schnappte meine Jacke, schlüpfte in meine Stiefel und rannte aus dem Haus. Nur noch weg hier. Ich wollte nichts mehr mit all diesen verwirrenden Sachen hier zu tun haben. Das alles war nur eine einzige Katastrophe und ich war Schuld daran. Ich kämpfte mich durch das Unterholz, das von tiefem Schnee bedeckt war. Es war mir egal, dass ich ein paar Mal hinfiel. Nur weg. Nur rennen. Irgendwann konnte ich nicht mehr und blieb stehen. Tränen liefen mir über mein Gesicht. Mein Inneres wurde nur noch von einem Gefühl beherrscht: Verzweiflung. Was sollte ich jetzt tun. Ich war mitten im Wald, stand im Schnee und weinte. Ich wollte schreien. Das tat ich auch. Ich schrie.
„Warum? Warum verdammt? Lars!“
Danach fühlte ich mich ein bisschen besser. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen, doch das funktionierte ganz schlecht. Ich brauchte sehr, sehr lange dazu. Es hatte wieder begonnen zu schneien und die Sonne hatte den Wolken Platz gemacht. Trübes Licht und helle Schneeflocken machten den Wald jetzt gespenstisch. Ich drehte mich um, um den Weg nach Hause einzuschlagen. Und da stand er. Zwischen ein paar Bäumen ein Stück weg von mir stand er und betrachtete mich. Ich erschrak nicht. Es kam mir sogar vor, als ob es völlig normal war, dass er dort stand. Er lächelte mich an.
„Sofie“, flüsterte er und trotz der Distanz zwischen uns konnte ich ihn verstehen. Zuerst war ich verwirrt, doch dann fing ich auch zögerlich an zu lächeln, denn irgendwie war seine positive Ausstrahlung anstecken.
„Lars“
Langsam kam er auf mich zu. Ich wartete vorsichtig ab mit einem ungewissen Gefühl was jetzt passieren würde. Als er vor mir stand zog er mich in seine Arme und hielt mich fest. Es war ein schönes Gefühl und ich legte meinen Kopf an seine Brust.
“Wir haben  uns Sorgen gemacht. Du warst fast fünf Stunden weg.”
So lange war mir das überhaupt nicht vorgekommen.
“Wie geht es dir?”, platzte es aus mir heraus.
Lars rückte ein Stückchen von ihr ab. Er sah mich mit einem undurchdringlichen Blick an. Dann zog er mich wieder an sich und flüsterte mir ins Ohr.
“Jetzt geht es mir gut. Sehr gut.”

Fotos by Benjamin Otterstätter

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