Weihnachten – Teil 1

Geschichten

für Jule, jedes Jahr aufs Neue.
Ein kleiner Ausschnitt aus einem Buch, welches ich vor 5 Jahren meiner besten Freundin zu Weihnachten geschenkt habe.
Den zweiten Teil gibt es morgen zum 1. Weihnachtsferiertag.
Ich wünsche euch schöne und besinnliche Weihnachten.

 

„Bei euch sind auch Welten über Berge gesprungen, oder?“, fragte mich zwei Stunden später Alice, die neben mir stand und Gemüse schälte, während ich das Blaukraut kochte. Wir waren allein in der Küche. Es brannten nur die Stehlampen bei den Sofas, die Wandleuchter neben den Flügeltüren und die Christbaumlichterkette. Alles war in ein gemütliches, weihnachtliches Licht getaucht. Die Anlage gab leise Musik von sich. Ich schaute Alice an.
„Ja, wir haben gestern fast zwei Stunden lang geredet.“
„Was genau ist passiert?“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich mich in ihn verliebt habe. Doch ich mag die Gefühle gegenüber ihm nicht. Ich möchte einfach nur seine beste Freundin sein und nicht mehr. Doch selbst diese freundschaftliche Beziehung hatte er ja eingestellt. Darüber haben wir geredet. Er hat gesagt, dass es ihm leid tut und dass es ihm auch aufgefallen sei, doch er wolle es jetzt ändern. Zu meinen Gefühlen für ihn hat er überhaupt nichts gesagt. Aber er will auf jeden Fall mein bester Freund bleiben.“
Alice schaute mich aufmerksam an.
„Glaubst du wirklich deine Gefühle gehen vorbei, wenn du jetzt mit ihm auf >bester Freund< machst und dabei Natalie noch da ist? Übrigens, was hat sie zu der Situation gesagt?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich ihr und holte einen zweiten Topf für den Reis.
„Es ist immer noch kompliziert. Von Natalie hat er überhaupt nicht gesprochen. Ich glaube sie nimmt das ganz gut auf so wie es jetzt ist. Aber ganz ehrlich? Wenn sie meine Freundschaft mit Lars nicht akzeptiert, dann akzeptiert sie Lars nicht. Und meine Gefühle sind mir bis jetzt völlig egal. Noch. Ich weiß nicht ob sie extremer werden aber bis jetzt hab ich sie ganz gut im Griff und kann sogar ohne weitere Schmerzen oder ähnliches mit Natalie reden. Um ehrlich zu sein, gerade ist es echt okay. Besser könnte es nicht sein.“
Alice lächelte mich an.
„Doch! Lars hätte keine Freundin.“
Auf das sagte ich nichts mehr, denn tief, ganz tief in mir drin, wünschte ich es mir so sehr. Natürlich wollte ich Lars wieder für mich haben und jede Berührung für Natalie, die nicht an mich ging, war ein einziger Schmerz für mich. Doch ich war froh darüber, dass Lars mich überhaupt mal wieder normal behandelte. Deswegen kam ich mit den Schmerzen klar und ignorierte meine Gefühle einfach. Auch wenn das nicht gerade die beste Methode war. Das war mir auch klar.
Alice und ich kochten das Gemüse, Nudeln, Reis und das Blaukraut. Insgesamt waren wir genau dann fertig, als die Gans auch fertig wurde.
„Perfektes Timing!“, rief Alice aus, als sie den Ofen öffnete. Emily hatte den Tisch gedeckt und lachte laut auf.
„Wie immer bei uns. Soll ich die anderen zum Essen holen?“
„Das wäre toll“, antwortete ich ihr.
„Oh Alice, kann ich dich kurz allein lassen? Ich würde mich vor dem Essen noch gerne umziehen“, fragte ich Alice, nachdem Emily aus dem Raum gegangen war.
Alice nickte.
„Klar, aber beeil dich.“
„Immer“, versicherte ich ihr und rannte dann schnell hoch in mein Zimmer. Auf der Treppe kamen mir schon Mars, Sina, Lars und Natalie entgegen.
Im Zimmer zog ich mir schnell die hingerichteten Sachen an. Dann ging ich ins Bad, machte mir zwei französische Zöpfe, wusch mir noch einmal das Gesicht und schminkte mich dann passend zu meinem Outfit. Danach setzte ich mich erst einmal auf den, von der Fußbodenheizung erwärmten Badezimmerboden und atmete tief durch.
Es war Heiligabend.
Jetzt würden wir lange essen. Dann würde es Bescherung geben und wer wollte, konnte danach um zwölf Uhr in die Kirche gehen. Nach ein paar Minuten, in denen ich wieder völlig ruhig geworden war und mich entspannt hatte, stand ich auf und ging hinunter ins Esszimmer. Dort warteten sie schon alle an dem festlich geschmückten Tisch mit dem angerichteten Essen. Ich setzte mich zu ihnen. Die Gans stand aufgeschnitten in der Mitte des Tisches. Alle führten noch kleine Gespräche untereinander. Ich wollte gerade anfangen mit Alice darüber zu reden, wie sie die Gans aufgeschnitten bekommen hatte, als Luce mit seinen Löffel an sein Weinglas klopfte, um die Aufmerksamkeit von allen auf sich zu lenken. Das klappte gut. Nach ein paar Sekunden starrten alle an das rechte Kopfende. Luce erhob sich.


„So Leute, jetzt sind wir tatsächlich hier. An Heiligabend in der Villa von Sofies Tante. Hier sei mal ein Dank ausgesprochen.” Er zwinkerte in meine Richtung. Ich nichte nur lächelnd und hob mein Glas.
“Und jetzt wollen wir zusammen Weihnachten feiern. Fern von unseren Familien. Nur unsere Clique. Ich muss schon sagen ich freue mich wirklich über diesen harmonischen und fröhlichen Anblick. Er erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit. Hinter uns liegt ein weiteres Jahr mit vielen Höhen und Tiefen, die wir wie immer gut gemeistert haben. Ich wünsche euch und uns frohe Weihnachten. Und jetzt natürlich einen guten Appetit. Auf dass es unvergessliche Weihnachten werden.“
Alle fingen an zu klatschen und Lars stand auf, um aus dem Kühlschrank den Sekt zu holen. Dann stießen wir erst einmal an. Als wir dann alle wieder an unserem Platz saßen, sagte ich zu Lars, „So, misstrauischer “Omaverwöhnter”. Würdest du uns die Ehre erweisen den ersten Braten der Gans zu kosten?” Er lachte und alle schauten etwas verdutzt. Sie hatten den Witz von heute Mittag ja nicht mitbekommen.
„Er hat heute Mittag zu mir gemeint, ob die Gans auch gut schmecken würde, denn sonst hätte es sich nicht gelohnt, das Essen seiner Oma ausfallen zu lassen“, erklärte ich ihnen.
Verschiedene Laute waren auszumachen. Ein paar lachten und ein paar schwiegen lieber. Ich grinste in mich hinein. Ja, bei solchen Sachen konnte ich echt böse werden, aber kann man es mir übel nehmen? Es waren sicher fünf Stunden, die ich insgesamt für dieses Essen aufgewandt hatte. Wir fingen an zu essen und es kamen von jedem anerkennende Kommentare. Lars schaute mich kauend an.
„Also, es hat sich auf jeden Fall gelohnt das Essen meiner Oma ausfallen zu lassen“, grinste er, als er heruntergeschluckt hatte. In diesem Moment hätte ich ihn am liebsten geküsst. Doch ich sah Natalies Blick und wandte mich schnell ab.

Die Bescherung war wundervoll. Jeder hatte seine Geschenke aus seinem Zimmer geholt und war jetzt dabei sie zu verteilen. Bei so vielen Freunden hatte man da einiges zu tun, doch man bekam genauso viel zurück. Es ging fröhlich zu. Jeder kommentierte die Geschenke von den anderen oder erklärte den Grund für sein Geschenk. Ich bekam von Lars eine wunderschöne Halskette mit einem Anhänger auf dem stand: >Beste Freunde für immer<. Ich freute mich sehr darüber.
Von Alice bekam ich ein Notizbuch aus Leder und einen Anhänger für mein Bettelarmband mit einer Ballerina. Sie kannte mich einfach zu gut.
Ich nahm sie ganz fest in die Arme und bedankte mich liebevoll.
Von den anderen zusammen bekam ich eine Reise nach Irland für ein Wochenende mit einer Person meiner Wahl. Ich konnte es nicht fassen. Seit Jahren schwärmte ich ihnen vor wie gern ich dieses Land sehen wollte und nun hatten sie mir diesen Wunsch erfüllt. Wow! Ich hatte einfach die besten Freunde der Welt. Natürlich bedankte mich bei allen überschwänglich. Es wurde ein lustiger Abend. Wir saßen lange zusammen. Im Hintergrund spielte Musik aus der Anlage und irgendwann nahm Lars meine Hand und forderte mich zum tanzen auf. Wir tanzten alle ein paar Lieder. Dann fiel mir die Uhrzeit auf.
„Wir haben kurz vor halb zwölf“, sagte ich in die Runde. „Wie sieht es aus? Wer geht mit in die Kirche?“
Nach einer kleinen Diskussion wurde beschlossen, dass wir alle gingen.
„Das gehört schließlich zu Weihnachten“, schloss Alice an das Ende der Entscheidung. Ich lächelte ihr zu und nickte.

Als wir um halb zwei wieder in die Villa kamen, waren alle ruhig und still. Die Messe hatte jeden zum Nachdenken angeregt. Ich fand, sie war wunderschön und perfekt gewesen. Alice schaute alle an.
„Ihr wollt doch jetzt noch nicht ins Bett gehen, oder? Unten ist ein frisch gefülltes Hallenbad. Natalie? Wie war das mit Nachtbaden? Oder war das Nacktbaden? Ist auch egal. Kann man kombinieren. Auf Leute, jetzt macht doch keiner schlapp!“
Alices Rede hatte alle aus ihrer ruhigen Nachdenklichkeit gerissen.
„Auf jeden Fall gehen wir jetzt noch baden“, sagte Mars und zog Sina schon Richtung Treppe, um im Zimmer Badesachen zu holen.
„Doch Nacktbaden verschieben wir auf den Abend, an dem wir alle nicht mehr ganz nüchtern sind, würde ich vorschlagen“, rief er da noch von der Treppe runter. Jetzt hatte er voll alle angesteckt und geschäftiges “Badesachensuchen” setzte ein. Ich verschwand ebenfalls auf meinem Zimmer, doch vorher flüsterte ich Alice zu, „Süße? Ich geh lieber ins Bett, okay? Ich hab keine große Lust jetzt noch baden zu gehen.“
Alice nickte. Sie verstand mich.
Im Zimmer legte ich mich erst einmal ins Bett und kam zu mir und ließ den Abend nochmal Revue passieren.
In mir breitete sich eine tiefe Dankbarkeit für den Tag und den Abend aus.
Ich schloss die Augen und fühlte in mein Inneres. Ich hörte das Blut in meinen Adern. Ich fühlte wie mein Herz schlug und plötzlich hatte ich den unglaublichen Wunsch zu tanzen. Ich wollte mein Körper spüren. Wer ich war. Ich zog mir schnell ein paar Tanzklamotten, die ich immer dabei hatte, über. Dann suchte ich meine Lieblings-CD mit den Jazzsongs aus meiner Tasche. Leise schlich ich mich hinunter ins Atelier. Das war der größte Raum in diesem Haus. Noch größer wie das gegenüberliegende Ess-, Wohnzimmer/Küche. Ich wusste, dass es hier eine Anlage gab, da meine Tante zum Zeichnen Musik gehört hatte. Die Bilder waren alle nicht mehr da. Die hatten wir alle im letzten Sommer auf einer Kunstausstellung verkauft. Nur noch ein paar vereinzelte Stative standen neben dem Schrank, in dem die ganzen Malutensilien meiner Tante lagerten. Vor mir lag also ein riesiger, leerer Raum. Die gesamte gegenüberliegende Seite von mir aus war durch Fenster ersetzt worden. Durch sie schien jetzt der runde Vollmond und malte milchige Lichtstreifen auf das Parkett. Ich legte meine CD in die Anlage neben der Tür und stellte mich in die Mitte des Raumes. Leise Klaviermusik erfüllte den Raum und hallte von den Wänden wieder. Ich schloss die Augen und wurde wieder ganz ruhig bis ich mein Herz spüren konnte. Dann fing ich an zu tanzen. Zuerst langsam, keine große Bewegungen. Doch mit der Zeit tanzte ich durch den ganzen Raum. Ich bewegte mich elegant und berührte den Boden kaum. Jede einzelne Bewegung spürte ich ganz tief in mir drin. Ich tanzte mich. Meine Augen waren geschlossen, während ich durch den Raum schwebte. Ich dachte nicht, ich fühlte nur. Die Musik, mein Herz, mein Gefühl, mich. Alles verschmolz.
Am Ende des Liedes befand ich mich auf den Knien am Boden. Als ich den Kopf hob und die Augen aufschlug sah ich hinaus zum Mond, der den Schnee vor der Fensterwand glänzen lies. Weihnachten.

Fotos by Benjamin Otterstätter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.