Das schönste Geräusch der Welt ist Stille

Gefühle, Geschichten

Im Schneidersitz saß sie auf dem kühlen Boden, während um sie herum die laue Sommerluft über die Ebene strich. Gräser, die sich sanft im Wind wiegten. Der See, klar und ruhig vor ihr. Sie atmete tief ein und schloss die Augen. Und dann ließ sie die Erinnerungen zu.

DormettingenEin unvergessliches Wochenende, fernab jeder Realität, fernab jeder Sorgen. Die Musik hatte sie mitgenommen auf eine Reise hinein in eine Welt in der alles gut erschien, schön und wunderbar ballastfrei. Sie hatte getanzt, hatte das Wetter genossen, die Beats, die Freiheit und das unendlich schöne Leben. Die Nächte waren von einer Magie erfüllt gewesen, die keiner, der nicht dort gewesen war, nachempfinden konnte.

Dormettingen

Vor ihrem inneren Auge erschien sein Gesicht, wie er sie ansah, zwischen all den Lichtern und der mystischen Nacht. Sein Lachen. Und seine unfassbar ruhige und stille Art, die sie auf eine Weise berührt hatte, wie noch nie zuvor. Er hatte sie geerdet. In dieser wundervollen Welt, in der man leicht abheben konnte vor Leichtigkeit hatte er sie zu sich geführt. Nicht nachdenklich gemacht oder ihr die Magie der Musik genommen. Nein, er hatte ihr geholfen im inneren die Ruhe und Ausgeglichenheit der ganzen Situation zu finden. Und somit noch ein bisschen mehr den Zauber genießen zu können. Das war unbezahlbar und hatte noch keiner geschafft.

DormettingenSie atmete wieder tief ein und aus. Eine Gänsehaut wanderte über ihre Arme, als sie an seine Hand in ihrer dachte. Er hatte aufgepasst. Auf sie. Damit sie sich nicht verloren. Damit er sie nicht verlor. Sein Blick, als er sich immer wieder umgedreht hatte, um sich zu vergewissern, ob sie noch da war, obwohl er ihre Hand in seiner behutsam aber bestimmt festhielt.
Ein Schauer lief durch ihren Körper, als sie sich an seine ruhige Stimme erinnerte, an seine Nähe neben ihr auf der Wiese. Sein Oberkörper an ihrem, warm, ruhig, ausgeglichen. Seine Hand streichelnd an ihrem Oberschenkel. Seine Wange an ihrer, als sich der Himmel mit bunten Sternen füllte. Eine Welt fernab von allem. Und so wunderschön.

DormettingenDer nächste morgen. Alles erschien einem unwirklich. Als wäre diese andere Welt unerreichbar und die Erinnerungen nur Träume gewesen. Im Auto sitzend. Auf die Straße starrend. Zurückfahrend in die Realität. In ihr Leben zurück. In der gerade einfach alles in Trümmern lag. In der sie sich an die Schmerzen und Qualen erinnern musste. An das, was sie übers Wochenende vergessen hatte.
Der Flur, in dem einsam und verlassen der Jutebeutel mit dem Logo der Nacht hing. Nicht einmal einen kleinen Funke Magie ausstrahlend. Höchstens eine verblasste Erinnerung an einen Traum, der das Wochenende vielleicht gewesen sein könnte.
Der Wind wurde jetzt etwas stärker und wehte ihr die Haare aus dem Gesicht. Ihr Kleid flatterte vom starken Luftzug und sie öffnete die Augen.
Sie saß auf einem der Podeste und konnte in den Schieferbruch hineinsehen. Keine Menschenseele war auf dem Gelände. Sie war allein. Der Blick in den Himmel verriet ihr, dass Wolken aufgezogen waren, die die Sonne ein wenig verdeckten.Langsam stand sie auf und ging hinunter auf den riesigen Platz. Unwirklich, wenn sie sich vorstellte, dass vor kurzem tausende von Menschen hier gewesen waren. Es war so still, dass sie ihre eigenen Schritte hören konnte. Das Geländer war wunderschön und sie überquerte den geschotterten Platz und ging dann Richtung See. Das Wasser war so klar, dass man die Steine am Grund sehen konnte. Sie stellte sich ans Ufer und beobachtete wie sich die Wasseroberfläche vom Wind leicht kräuselte.
An den Ort des Geschehens zurückzukehren brachte die Magie nicht zurück. Aber jetzt war dieser Ort von einer anderen Magie erfüllt. Er strahlte etwas aus, was sie noch nicht genau zuordnen konnte. Sie spürte, dass es ihr helfen wollte, aber sie konnte noch nicht sagen, wie. 

DormettingenDa legte sich eine Hand an ihre Schulter. Sie zuckte kurz zusammen und wurde dann plötzlich sehr ruhig. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, denn sie wusste wer jetzt hinter ihr stand.
Er trat neben sie und sie betrachtet seine Silhouette, die beleuchtet wurde von der Sonne, die sich im See spiegelte.
Er sah hinaus über die Ebene mit den sich im Wind wiegenden Gräsern. In seinen Augen konnte man das Sonnenlicht strahlen sehen. Sie sah ebenfalls wieder hinaus auf den See. Wurde ruhiger und ruhiger. Seine ausgeglichene Ausstrahlung umschloss sie wie ein Mantel. Sie schloss die Augen und atmete tief. Der Wind wehte ihr das Kleid um ihren Körper, was aber auch das einzige war, was sich bewegte. Sie stand ganz ruhig und still da, im Bewusstsein, dass er beständig, ausgeglichen und warm neben ihr stand. Ein Fels in der Brandung. Eine Beständigkeit, an der sie sich festhalten konnte. Eine angenehme Wärme breitete sich in ihr aus. Eine Gewissheit, die sie seit langer Zeit nicht mehr gehabt hatte. Plötzlich fiel eine schwere Last von ihr ab. Sie atmete tief ein und da war nichts außer Leichtigkeit. Als hätte ihr jemand einen Stein von der Brust genommen.
Sie schlug die Augen auf und sah wir er sie betrachtete. Liebevoll, bewundernd, respektvoll. Seine Augen, in denen sich immer noch die Sonne spiegelte, hatten etwas Fasziniertes. Er war fasziniert.DormettingenÜber ihr Gesicht glitt jetzt ein Lächeln. Diese Befreiung musste sich Luft machen und plötzlich strahlte sie über das ganze Gesicht. Auch er fing jetzt an zu schmunzeln. Behutsam legte er eine Hand um ihre Hüfte und zog sie langsam an sich. Sie schlang ihre Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine Brust. Er küsste sie aufs Haar und legte dann sein Kinn auf ihren Kopf.
Und so standen sie da, sahen zum Horizont über den See, hinaus auf eine Zukunft, die ihr so viel besser vorkam, als noch vor einiger Zeit.
Und als die letzten Sonnenstrahlen über den Hügel wanderten flossen die Tränen. Tränen der Befreiung und des Glücks. Und er war da. Einfach nur da. Und das war alles was zählte. Alles was sie brauchte. Alles was sie erfüllte.
Alles, woran sie glaubte. In diesem Moment. 

Dormettingen

Fotos by J.H. Artworks

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