Unser Luftballon

Geschichten

Die Sonne verfärbte die Landschaft schon dunkelorange und nur noch ein wenig gelb glitzerte über die riesigen Wiesen und den Betonplatz vor der Bühne. Ich lehnte an den Stufen, der Treppe, die zu der riesigen Bühne hinauf führten und war einen Blick auf die Uhr. Halb neun. Ich sah zum Horizont und schloss die Augen, um das letzte bisschen Sonne von diesem wunderschönen Herbsttag zu genießen. Es war angenehm warm. Zum Glück war es ein wenig abgekühlt. Der Sommer dieses Jahr war sehr heiß gewesen. Ich wurde ruhig und genoss die Stille, da der ganze Tag heute ziemlich laut gewesen war. Nur noch ein paar von den Jungs arbeiteten jetzt noch auf dem Gelände. Die meisten waren schon gegangen.
„Na, Sofie?“, riss mich Luces Stimme aus meinen Gedanken. Ich öffnete meine Augen.
„Alles klar bei dir? Ich wollte fragen, ob du mitkommst. Ich würde jetzt gehen und könnte dich mitnehmen. Oder möchtest du lieber später mit Lars gehen?“
Luce bog gerade um eine Ecke der Bühne und musste fast rufen, damit ich ihn verstand. Es dauerte aber nicht lange und er stand vor mir. Ein großer, schlanker (fast zu dünner), gut aussehender Junge.
„Hey Luce!“ Ich grinste ihn an. „Ich denke, dass ich eher mit Lars nachher gehen werde. Aber danke.
Und bist du bereit für morgen?“
„Klar immer doch! Lars hat mal wieder ordentlich was auf die Beine gestellt. Das Open Air wird sicherlich wieder der Hammer!“
Ich nickte und stieß mich von der Treppe ab.
„Ja, er hängt sich jedes Jahr aufs Neue rein. Wenn Lars was macht, dann macht er es richtig. Und das kann er echt gut. Ich bin gespannt. Aber das Gelände war noch nie so groß. Es wird riesig morgen!“, sagte ich und blickte über das riesige, durch Absperrgitter eingegrenzte Gelände.
„Auf jeden Fall, aber dafür muss ich schlafen, also bis morgen Sofie! Wir sehen uns und pass auf Lars auf. Er soll auch früh ins Bett, klar?“
Ich lächelte zu Luce hoch, denn ich war um einiges kleiner als er und nickte.
„Klar! Bis dann… Oh, vergiss nicht Emily Bescheid zu sagen, wegen der Schule morgen.“
Luce nickte. Er hob noch einmal die Hand zum Abschied und ging dann Richtung Ausgang und Parkplatz davon.

Unser Luftballon - ich and er Wand, Graphity Bild Langsam drehte ich mich um und ging auf die Bühne. Ich lief einmal quer darüber bis ich auf der anderen Seite war. Sie war mindestens zwanzig Meter lang. Auf der anderen Seite standen das Mischpult und das ganze andere elektronische Zeug für das Licht, die Boxen und die Mikrofone. In diesem ganzen Wirrwarr von Kabeln stand Lars und schraubte noch ein wenig an dem überdimensionalen Mischpult herum. Auf der Bühne lagen zehn Mikrofone schön ordentlich nebeneinander. Ich setzte mich daneben und ließ meine Beine von der Bühne baumeln. Mich verwirrten die ganzen Kabeln und das Mischpult total. Davon verstand ich nur Bahnhof. Zum Partys organisieren war ich dafür umso brauchbarer. Lars schaute auf, als ich mich gesetzt hatte.
„Alles okay?“, fragte er mich. „Es dauert nicht mehr lange, dann können wir gehen.“
Ich zuckte die Schultern.
„Hey, mach dir keinen Stress, okay? Ich kann warten. Außerdem, wenn ich es eilig gehabt hätte, hätte ich auch mit Luce fahren können.“
Er nickte.
„Okay, gut. Weil ich glaub das dauert wohl doch noch länger.“
Er grinste mich verschmitzt hat.
„Na wenn das so ist…“, ich deutete an wieder aufzustehen und Richtung Ausgang zu rennen „… vielleicht kann ich Luce noch erwischen.“
Ich grinste. Lars fing an zu lachen.
„Komm schon, du willst nur mit mir nach Hause fahren. Weil ich dein einzig wahrer und wirklich beste Freund bin.“
Ich ging mit ernstem Gesicht auf ihn, stellte mich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ja da hast du allerdings recht“, flüsterte ich ihm ins Ohr.
Wir brachen beide in Gelächter aus.
Das war normal bei uns zwei. Lars war mein allerbester Freund. Mit ihm konnte ich über alles reden. Wir kannten uns praktisch aus dem Sandkasten und hatten schon gute und schlechte Zeiten hinter uns. Ich wüsste nicht wie mein Leben ohne Lars verlaufen wäre. Ich war ihm dankbar für alles was er für mich getan hatte. Wir waren unzertrennlich.
Ich setzte mich wieder auf die Bühne und schaute dann wieder zum Horizont. Die Sonne stand immer noch wie vor zehn Minuten. Die Bühne war in ein märchenhaftes Licht getaucht. Mein Blick fiel auf die zehn Mikrofone neben mir.
„Sind die eigentlich an?“, fragte ich Lars. Er schaute auf die Mikrofone und dann auf sein Mischpult.
“Ja, ich muss da nämlich noch dran arbeiten.“
Und schon hatte er sich wieder den tausend Kabeln zugewandt. Ich nahm mir eins und stand dann auf. Langsam ging ich in die Mitte der Bühne. Sie war echt riesig und ich kam mir merkwürdig klein darauf vor. Vorsichtig hob ich das Mikrofon vor meinen Mund. >Wenn du singst, dann bist du ganz groß! Wenn du deine Stimme im Mikro hörst, dann bist du der König der Welt!< Das hatte Lars mir einmal erzählt. Und ich hatte es ihm nicht geglaubt. Doch jetzt hatte ich die Möglichkeit es selber einmal zu probieren. Die Sonne schien auf die Bühne und tauchte mich in ein märchenhaftes gold.

Hast du etwas Zeit für mich?
Dann singe ich ein Lied für dich,
von 99 Luftballons auf ihrem Weg zum Horizont.

Meine Stimme hallte in den Boxen wieder. Über die ganze weite Wiesen und den Platz vor mir wurde sie getragen. Ohne Musik. Allein meine Stimme. Ich lächelte. Es fühlte sich gut an meine Stimme so zu hören. Mein Blick wanderte zu Lars, der mich erstaunt ansah. Das stachelte mich nur noch mehr an.

Denkst du vielleicht grad an mich?
Dann singe ich ein Lied für dich,
von 99 Luftballons und das so was von so was kommt.

Ich schloss die Augen, so gut fühlte es sich an. Tatsächlich hatte er recht gehabt. Man fühlte sich wie das Oberhaupt der Welt. Und das alles noch wenn Leute da waren. Das musste der Hammer sein. Ich ließ das Mikrofon wieder sinken und wollte mich gerade wieder umdrehen als plötzlich die Musik zu meinem Lied laut aus den Boxen drang und die ganze Wiese beschallte. Ich sah Lars an. Er nickte mir zu. Was wollte er? Dass ich weiter sang? Okay, dachte ich. Dieses Spiel spielte ich gerne mit. Ich rockte ein bisschen auf der Bühne bis ich wieder einsetzten musste.

99 Luftballons auf ihrem Weg zum Horizont
hielt man für Ufos aus dem All,
darum schickte ein General,
ne Fliegerstaffel hinterher,
Alarm zu geben wenn’s so wär,
dabei warn dort am Horizont nur 99 Luftballons.

99 Düsenflieger, jeder war ein großer Krieger,
hielten sich für Kaptän Curk,
es gab ein großes Feuerwerk.
Die Nachbarn haben nichts gedacht und fühlten sich gleich angemacht,
dabei schoss man am Horizont auf 99 Luftballons.

Ich lachte laut auf und sprang einmal in die Luft. Meine Arme wollten den Himmel berühren, ich hüpfte ein bisschen auf der Bühne herum und rockte zur Musik ab. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr gehabt. Irgendwann fiel mein Blick wieder auf Lars, der seine Arbeit mittlerweile unterbrochen hatte und mich amüsiert ansah.

99 Kriegsminister, Streichholz- und Benzinkanister,
hielten sich für schlaue Leute,
witterten schon fette Beute,
riesen Krieg und Wolkenmacht.
Mann, wer hätte das gedacht?
Dass es einmal so weit kommt, wegen 99 Luftballons.

Unser Luftballon - Ich mit Hut, lachend Bild

Ich breitete meine Arme aus und tanzte auf der Bühne rum. Dann hörte die Musik plötzlich auf. Ich drehte mich zu Lars um. Der hatte sich ebenfalls ein Mikrofon geschnappt und war dabei die Bühne zu überqueren in meine Richtung. Er lächelte mich an und streckte mir seine Hand entgegen. Ich nahm sie und sang mit ihm die letzten Zeilen des Liedes.

99 Jahre Krieg, ließen keinen Platz für Sieger,
Kriegsminister gibt’s nicht mehr und auch keine Düsenflieger,
heute zieh ich meine Runden,
ich sehe die Welt in Trümmern liegen,
hab n Luftballon gefunden.

Wir waren uns jetzt ganz nahe. Er lehnte seine Stirn an meine und flüsterte mir zu.

Ich denk an dich und lass ihn fliegen!

Als das Lied zu Ende war umarmten wir uns. Ich musste lachen. Er wuschelte mir durch die Haare.
„Du bist mir so ein verrücktes Huhn.“

(99 luftballons ~ nena)

Fotos by J.H. Artworks

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