Du bist schön, so wie du bist

Gedanken

für meinen Perfektionisten
und für alle anderen Perfektionisten da draußen

Ich mach was ich will, mir egal, was alle anderen sagen, was ihnen an mir fehlt.
Alle wollen Glück, aber alle haben Angst, den Umweg zu gehen, der passiert, wenn man lebt.
Nehm meine Narben, bemal sie mit Farben und zeig allen, ich hab nichts zu verlieren.
Jeder kann mal hinfallen, wo liegt denn da das Problem?
Viele Dinge laufen schief, unser ganzes Leben lang.
Niemand ist nur einen geraden Weg gegangen, jeder von uns eckt irgendwo irgendwann an.
Glaub mir, so formt sich unser Charakter, so formen sich unsere Wesen.
Finde unperfekt ist viel schöner, als den ganzen Einheitsbrei.
Will nicht lernen, was alles wissen, ich will sehn, was keiner weiß!
Ist nicht perfekt, aber irgendwie wird es schon.
Nicht ganz korrekt, aber irgendwie wird es schon.
(perfeqt ~ bengio)

Ich sah aus dem Fenster und nippte an meiner Tasse Tee. Es war irgendwann um die Mittagszeit, draußen schneite es seit ein paar Stunden und hier drinnen vor dem Holzofen war es sehr gemütlich und warm. Mein Blick wanderte zu meiner kleinen Hündin, die sich vor dem Ofen zusammengekuschelt hatte und schlief. Wir waren heute Morgen drei Stunden im Schnee gewandert und jetzt war sie total müde und wie ich froh wieder in meiner Wohnung zu sein. Ein liebevolles Lächeln umspielte meine Lippen. Ich war stolz darauf, dass ich sie hatte, dass ich die Verantwortung für sie übernahm, mich um sie kümmerte und dass ich das meiner Meinung nach gut machte. Das konnte ich. Da war ich mir sicher. 

 Du bist schön - Tasse Bild

„Der Hund ist viel zu dünn. Schau sie dir doch mal an. Du musst ihr mehr zu essen geben.“
„Jetzt lass sie doch. Sie darf das bei mir.“
„Ist das überhaupt ein Hund. Der ist ja so groß wie meine Katze.“
„Sie ist viel zu oft alleine, sie hat zu wenig Bewegung.“ 

Konnte ich das wirklich? War es gut genug was ich tat? Hatte ich sie richtig erzogen? War ich manchmal zu streng? Konnte ich mich gut um sie kümmern? 

Ich stellte meine Tasse Tee auf den Wohnzimmertisch und setzte mich dann neben meine eingerollte kleine Maus. Sie sah auf, als ich mich neben ihr niederließ, rutschte dann näher an mich heran und legte ihren Kopf in meinen Schoß. Ja, ich hatte sie gut erzogen. Ja, sie bekam garantiert genug zu fressen und auch gutes Futter. Ja, ich ging mit ihr so oft ich konnte lange raus. Und ja ICH war zufrieden und stolz darauf wie ich sie behandelte und deswegen war alles was die anderen sagten irrelevant. Meiner Hündin ging es gut und das zeigte sie mir jeden Tag. Ja, das konnte ich. Ja, darin war ich gut.
Ich streichelte sie liebevoll und sie gab ein wohliges Grummeln von sich und drückte sich noch mehr in meinen Schoß was mich zum Lächeln brachte.
Langsam ließ ich meinen Gedanken wieder ihren Lauf. 

„Leg das Handy weg. Sei dir bewusst wo du bist.“
„Du musst kleinere Schritte machen. Mehr Körperspannung. Spann mal deinen Rücken an. Du musst dich jetzt drehen.“
„Wie das hast du nicht? Das braucht jeder. Das ist normal.“ 

War ich so schlecht? Reichte ich nicht? War ich denn nicht gut genug? Was stimmte nicht? Warum kritisierte man so viel an mir? Kann man mich nicht so nehmen wie ich bin? 

Ich musste auf langem und steinigem Weg lernen, dass es nicht zählt was andere denken. Es ist richtig, wenn ich fühle, dass es für mich richtig und in Ordnung ist, wie es ist. Ich bin mit meiner Art, so offen und freundlich ich auch bin, schon oft angeeckt. Ich bin nun mal so wie ich bin. Und das habe ich akzeptiert. Genauso wie ich akzeptiert habe, dass es Leute gibt, die mit meiner Art einfach nicht klarkommen. Aber das ist völlig in Ordnung so. Nicht jeder Mensch kann mit jedem oder ist sich sympathisch. Aber das merkt man und geht sich dann aus dem Weg. Ich mochte meine Art. Ich mochte mich so wie ich war. Und das ist das was zählt.
Mich durch Kritik oder Hinweise auf Fehler von anderen nicht rausbringen zu lassen war trotzdem sehr schwer. Es verletzte mich und brachte doch alte Selbstzweifel in mir hoch, wenn bestimmte Menschen bestimmte Sachen zu mir sagten.
Ich seufzte einmal tief und nahm nochmal einen Schluck aus meiner Tasse vom Wohnzimmertisch.
Er hatte mich damit sehr verletzt.
Ich war nicht fehlerfrei und perfekt und wenn er so etwas wollte, dann soll er sich eine andere suchen. 

Jeder Mensch macht Fehler. Es gibt Keinen, der PERFEKT ist. Dann wäre er kein Mensch. 

Ich atmete tief ein und wieder aus und versuchte rational über die Sache nachzudenken.
Mich durch so etwas nicht beirren zu lassen, mich nicht direkt ändern zu wollen, um ihm oder anderen zu gefallen, so wie ich es früher getan hätte, fiel mir immer noch sehr schwer.
Dann brauchte ich meine Zeit darüber nachzudenken und die Kritik abzuwägen, sie zu überdenken, wie sie eventuell auch gemeint war, ob ich sie falsch verstanden hatte und ganz wichtig: Immer bei mir zu bleiben. Trotzdem ich sein. Mich daran zu erinnern, dass ich gut war, wie ich war. Dass ich richtig war, wie ich war.
Ja, ich konnte das. Ja, ich hatte das nicht, ich habe es auch nicht vermisst, na und? Ja, ich war gut. Ja, ich bin richtig, so wie ich bin. 

Ich zeig dir die Fehler, wir lachen darüber, ein paar hat doch jeder.
Ist doch Wahnsinn, warum will jeder perfekt sein?
(perfeqt ~ bengio) 

Ich lachte erleichtert auf und meine Hündin schaute mich verwundert an.
„Ja, ich bin gut. Ich reiche. Und ja ich bin ein toller Mensch. Und jeder, der das nicht sieht, der hat in meiner Umgebung nichts zu suchen. Und auch er muss mich nehmen und akzeptieren wie ich bin. Ich bin nicht perfekt. Und das ist gut so.“ 

Du bist perfekt unperfekt, dass ist es was mich zeckt.
All deine Ecken, deine Kanten.
Du bist perfekt unperfekt.
(unperfekt ~ mateo)

Mein kleiner Fellknäul in meinem Schoß vergrub ihren Kopf wieder in ihrer Decke und hörte mir nicht mehr zu. Ich ging voller Selbstbewusstsein in den Flur und sah in den Spiegel. Dort lächelte mich eine tolle, sympathische, freche und vielleicht auch ein bisschen egoistische Frau an, aber das war gut so. Ich war gut so. Und ich war stolz darauf.  

Du bist schön - Hund und Ich Bild

Ich zweifle an mir selber. Jeden Tag. Immer. Mache ich das richtig? Ist es das was die anderen wollen? Mache ich gut was ich tue? Bin ich gut genug? Reiche ich? Bin ich schön?
Manche Zweifel werden von Menschen bestärkt, indem sie mich hinterfragen, indem sie mich kritisieren, indem sie Fehler sehen und mich darauf hinweisen, indem sie nicht auf mich eingehen, indem sie mich unbeachtet lassen, vielleicht aber auch gar nicht aus Absicht oder Wille, sondern einfach nur weil sie es nicht sehen, aber es bestärkt die Zweifel in mir.
Der Druck anderen gefallen zu müssen, der seit klein auf, auf mir lastet, auf jedem lastet, den jeder von klein auf im Kindergarten, in der Schule und später in der Ausbildung, im Studium und im Beruf vermittelt bekommt.
Der ist besser. Mach das anders. Mach es schöner. Das kannst du besser. Die hat schönere Schuhe an. Der hat einen tolleren Rucksack. Die Kollegin kann das aber schneller erledigen.  

Du bist NICHT gut genug.
Jeden Tag.
Jede Stunde.
Jede Minute. 

Früher als kleines Kind hat meine Mutter mir die Hand gereicht und gesagt hat, „Du schaffst das. Du bist gut.“
Irgendwann kamen Freunde, die mir die Hand gereicht haben und gesagt haben, „Wir mögen dich so wie du bist.“
Und dann kam irgendwann ein Mann, der mir die Hand gereicht hat und gesagt hat, „Ich liebe dich so wie du bist.“
Aber irgendwann ist man nun mal erwachsen und muss sich selber versichern gut genug zu sein. Und das bekommt jeder von uns hin. Auch du. 

 Versuche in jeder Situation du selber zu sein. Es gibt keinen Grund für Zweifel. Du bist gut genug. Solange du mit dir zufrieden bist, kann es dir doch egal sein, was andere von dir denken. Denn allein deine Meinung über dich zählt.
Du bist für irgendjemand da draußen die oder der Sonnenschein, der ein Lachen auf das Gesicht des anderen zaubert, und zwar genauso wie du bist. 

Du bist gut wie du bist.
Ja, du reichst.
Ja, du bist schön, du bist toll, du kannst das und du bist einzigartig.
Mit allen Fehlern.
Mit allen Macken. 

 ~

Nicht perfekt, nicht ganz rund, aber dafür mit Ecken und Kanten.
Glaub nicht auch an das, was hier jeder glaubt,
sondern dass jede Schönheit auch Fehler braucht.
Zeig dir meine, was ist mit dir?
Jeder kann mal hinfallen, Kratzer ziehen in die Fassade,
tragen stolz unsere Narben, sprengen mit Absicht einfach den Rahmen.
Es gibt so viele Regeln, doch mir bleibt zu wenig Zeit.
Will nicht lernen, was alle wissen, ich will sehn was keiner weiß.
Ist nicht perfekt, aber irgendwie wird es schon.
Nicht ganz korrekt, aber irgendwie wird es schon.
(perfeqt ~ bengio)

 Fotos by J.H. Artworks

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