Babyelefant

Geschichten

Sie sah ihn am Rande der Tanzfläche stehen, wie er lächelnd seinem Bruder und seiner frisch gebackenen Schwägerin beim Tanzen zusah. Er fiel ihr zum ersten Mal wirklich richtig auf. Klar, sie hatte ihn schon oft gesehen. Immer, wenn sie bei Sarah war und er bei seinem Bruder. Natürlich läuft man sich da über den Weg. Er war ihr egal gewesen. Sie hatten auch nie wirklich viel miteinander geredet.
Aber jetzt, in diesem Profil und in diesem Licht, fiel ihr zum ersten Mal auf wie hübsch er eigentlich war. Wie unglaublich schön sein Lächeln war. Wie nett und sympathisch er wirkte. Vielleicht war sie auch einfach zu viel mit sich selber beschäftigt gewesen, um das zu bemerken. Sarah, ihre beste Freundin, und sein Bruder machten auf der Tanzfläche keine gute Figur und nach kurzer Zeit fing er an zu lachen und ging dann zu seinem Bruder, um diesen zu erlösen und mit Sarah weiterzutanzen. Schließlich hatten die zwei auch Tanzkurs gemacht, weil Felix nämlich keine Lust darauf gehabt hatte. Sie musste schmunzeln, als Felix erleichtert an seinen Bruder übergab. Und natürlich sah es gleich um Welten besser aus, was er und Sarah dann auf der Tanzfläche taten. Felix kam zum Tisch und setzte sich neben sie.
„Wenigsten kann es mein Bruder“, seufzte er theatralisch und sie fing an zu lachen.
„Als ob du es überhaupt können willst.“
Er zuckte mit den Schultern. „Da hast du auch wieder Recht.“
Sie verdrehte die Augen und stand dann auf, um ein bisschen nach draußen an die frische Luft zu gehen. Die Hochzeit fand in einem riesigen Hotel statt und sie musste durch die riesige Lobby bis sie auf der übergroßen Veranda ankam. Dort lehnte sie sich an das Geländer und sah über die große Wiese, die schon im Dunkeln lag. Am Horizont konnte sie den Vollmond sehen, der sich im See, der einige hundert Meter entfernt lag, spiegelte. Sie atmete einmal tief durch, schloss die Augen und sog die klare Nachtluft ein. Hier war sie richtig. Im richtigen Moment am richtigen Ort. 

Er sah sie am Geländer der Veranda stehen. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete tief. Er wusste, er würde ihren Anblick in diesem Moment nie vergessen. Ihre langen braunen Haare fielen ihr offen über den weit ausgeschnittenen Rücken. Ihr Kleid war atemberaubend. Es war kurz und der Schnitt einfach, aber dennoch umschmeichelte es ihre Figur bis auf das letzte Detail. Durch den Vollmond leuchtete ihr Gesicht mystisch im fahlen Licht. Ihre vollen Lippen waren ganz rosig von der schon etwas kalten Herbstnacht. Sie war unglaublich schön.
Langsam ging er auf sie zu und berührte sie vorsichtig an der Schulter. Sie erschrak nicht, sondern drehte sich nur überrascht um. Als sie ihn erkannte, legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Er erwiderte dieses erfreut.
„Hey“, flüsterte er. „Geht es dir gut?“
Sie schloss kurz die Augen und nickte.
„Ja es geht mir gut. Es ist mir nur zu viel da drin geworden. Ich wollte kurz allein sein.“
Er nickte. „Kann ich verstehen.“
Im Hintergrund konnte er hören, dass die Musik in eine Rumba wechselte. Er sah sie an und hatte dann eine spontane Idee.
„Möchtest du mit mir tanzen?“, fragte er sie grinsend. Sie sah ihn leicht erschrocken an.
„Ich kann das doch überhaupt nicht.“
Er zwinkerte ihr zu und lächelte.
„Das macht doch nichts. Lass dich einfach führen. Ich zeig es dir. Der Rest geht von ganz allein. “
Es war eine schöne langsame Rumba und sie nahm nach einer nochmaligen Aufforderung vorsichtig die Tanzhaltung ein.
„Jetzt rechts einen Schritt zurück, dann einen zur Seite. Jetzt einen Schritt mit links vor und dann wieder zur Seite.“
Er führte sie langsam und bewusst. Sie befolgte seine Worte und schon nach den ersten Schritten klappte der Grundschritt fast perfekt. Sie fing an zu strahlen, als das Erfolgsgefühl einsetzte. Er lachte und freute sich mit ihr.
„Sag ich doch. Ganz einfach.“
Nach ein paar Minuten ließ er sie einmal drehen und es raubte ihm fast den Atem, als er sie in dem Kleid drehen sah. Sie war einfach wunderschön. Als er sie wieder im Arm hatte, sah er ihr in die Augen. Diese Augen, die ihn von dem ersten Moment, in dem er sie gesehen hatte, gefesselt hatten. Sie waren wie ein Buch. Man konnte jeden Schmerz, jede Freude, jede vergangenen und auch die gegenwärtigen Gefühle darin lesen. Sie strahlten in einem so dunklen Blau, dass er jedes Mal dachte, er sah in ein stürmisch, aufgewühltes Meer.
Man sah ihr an, dass sie in ihrem Leben schon viel erlebt hatte.
Sie bemerkte seinen Blick und wurde rot.
„Was ist denn?“, fragte sie peinlich berührt und wollte den Blick abwenden.
Er schob seine Hand unter ihr Kinn und drehte ihren Kopf wieder in seine Richtung.
„Hey, es ist alles gut. Du hast ein wunderschönes Gesicht. Ich sehe dich einfach gerne an.“
Jetzt wurde sie noch röter und lächelte zurückhaltend und peinlich berührt. Es war so süß, wie mädchenhaft sie sich benahm. Es war so süß, wie mädchenhaft sie aussah.
Er ließ sie noch einmal drehen, dann war das Lied zu Ende. Sie sah ihn ein letztes Mal an und ging dann langsam Richtung Festsaal zurück. Er sah ihr hinterher. Kurz bevor sie im Saal verschwand, drehte sie sich noch einmal und sah ihn an. Lange. Und er konnte erkennen, dass in ihren Augen begann ein Sturm zu wüten. 

Babyelefant - Lisa Lippenstift lachend Bild

Die Abendsonne schien durch die deckenhohen Fenster und lies das Zimmer in einem märchenhaften Licht leuchten. Sie standen beide tropfnass vom Sommerregen, in den sie geraten waren, da und sahen sich an. Sie sah ihm lange in die Augen. In seine warmen schönen braunen Augen. Vorsichtig hob sie ihre Hand und streichelte seine feuchte Wange. Er begann zu lächeln. Sie liebte sein Lächeln. Sein ehrliches befreites Lächeln von dem sie sich immer anstecken ließ. Er beugte sich vorsichtig zu ihr herunter. Ihre Gesichter waren nur noch wenige Millimeter voneinander entfernt. Seine Nase berührte ihre. Sie schloss die Augen. Jetzt, nach all der langen Zeit würde es passieren. War sie bereit dafür? Konnte man bereit dafür sein? Was ist, wenn man nie bereit dafür war? Aber wie konnte man herausfinden, ob es sich gut anfühlte, wenn man es nicht versuchte?
Sie spürte, wie er vorsichtig und zärtlich mit seinen Lippen ihre berührte. Es war noch kein Kuss. Es war fast so etwas wie eine Frage. Eine leichte Berührung, ein Streicheln, eine kleine unausgesprochene Frage, ist das hier okay? Sie schob ihr Kinn nur ein bisschen weiter nach vorne und nun küssten sie sich. Sie küsste ihn. Zuerst vorsichtig, zärtlich, liebevoll, tastend, erkundend. Dann etwas leidenschaftlicher, herausfordernder, intensiver.
Langsam strich er mit seiner Zunge über ihre Lippe und sie stöhnte leicht auf.
Seine Hände legte sich um ihre Taille und er zog sie an sich. Sie vergrub ihre Hände in seinem nassen Haar und genoss jede Sekunde, in der er sie küsste. 
Im ganzen Haus war es still. Es war niemand zu Hause. Draußen ging gerade die Sonne unter und warf spielend schöne Orangefarben an seine weißen Wände. Er lag nackt auf ihr und küsste sie. Vorsichtig und langsam drang er in sie ein. Sie schloss die Augen und gab ein leises Stöhnen von sich. Liebevoll nahm er ihr Gesicht in seine Hände. Sie sahen sich lange an. Es war still. Es war warm. Und sie waren beide noch feucht vom Regen. Und beiden war bewusst, dass es richtig war, was sie taten. Und dass es sich gut anfühlte.
Zumindest für den Moment. 

Er klingelte bei ihren Eltern, denn sie wohnte noch zu Hause, und sie öffnete die Türe.
„Wollen wir ein Stück gehen?“, fragte er sie. Sie war in einem süßen Blümchenkleid sommerlich angezogen und lachte ihn an.
„Ja klar.“
Auf dem Weg, raus aus dem Dorf, auf die Wiese und somit zum See, redeten sie nicht viel. Das hatten sie oft, aber das war nicht schlimm. Sie genossen beide die Stille. Doch sie kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu erkennen, wenn irgendwas nicht stimmte.
Plötzlich blieb sie stehen und sah ihn an. Sie standen mitten auf einem Feldweg kurz vor dem nahegelegenen Wald.
„Was ist los?“
Er sah sie an und sie konnte jetzt genau sehen, dass sie recht hatte und er mit irgendetwas kämpfte.
„Ich kann das so nicht mehr,“ sagte er leise und ging dann vorsichtig auf sie zu. Kurz vor ihr blieb er stehen. Sie sah hinauf in seine Augen und konnte sehen wie Angst, Trauer und Hoffnung darin versuchten gegeneinander anzukommen.
„Ich mag dich. Ich mag dich sogar sehr. Du bist so ein tolles Mädchen. So eine schöne Frau. Ich genieße jede unserer Minuten und ich glaub ich habe mich in dich verliebt.“
Sie sah ihn erschrocken an. Das war genau das wovor sie seit Wochen Angst hatte. Sie wollte das nicht. Sie wollte keine Beziehung. Sie wollte ihn als Freund behalten. Mit ihm lachen, Spaß haben, tanzen, befreundet sein.
„Ich würde das was wir beide haben einfach gerne Beziehung nennen. Ich würde gerne mit dir zusammen sein. Ich habe dich einfach so gern.“
Ihr traten die Tränen Augen. Sie trat einen Schritt zurück und schüttelte fast unmerklich mit dem Kopf.
„Bitte, mach es nicht kaputt. Ich möchte im Moment keine Beziehung. Ich dachte, das wüsstest du. Es ist so schön was wir haben. Warum können wir es nicht einfach dabei belassen?“ 

Dann kam der große Streit.
Und dann das Schweigen.
Monate vergingen.
Er. Sein Leben.
Sie. Ihr Leben. 

Babyelefant - Lisa nachdenklich wegschauend Bild

„Hey, wie geht es dir?“, leuchtet auf seinem Bildschirm auf. Im Augenwinkel erkannte er den Vornamen und nahm daraufhin überrascht sein Handy in die Hand, um sich zu vergewissern, dass er sich auch nicht geirrt hatte. Aber ja. Er hatte richtig gelesen. Diese Nachricht kam von ihr. Warum schrieb sie ihm? Hatte sie ihm verziehen? Hatte er ihr verziehen? Abwarten.
„Danke. Mir geht es gut. Wie geht es dir?“, antwortete er knapp.
„Können wir uns treffen und reden?“, kam fast sofort zurück.
Lange sah er auf sein Handy. Sein Bildschirm sperrte sich von selbst und erlosch. Und selbst dann starrte er noch wie hypnotisiert sein Telefon an. War das eine gute Idee? Was wollte sie? Es lief gerade bei ihm so gut. Was war, wenn sie ihn wieder komplett rauswarf? Aus allem. Aber vor allem aus seinem Leben. Das hatte sie schon ein paar Mal geschafft. Und er wusste nicht, ob er bereit dafür war. Bereit, es noch einmal zuzulassen. Bereit, es noch einmal mitzumachen. Bereit, alles von vorne zu erleben. Bereit, ihr normal zu begegnen. War er bereit seine Gefühle zu ignorieren? Waren sie noch da oder bereits weg? Solche Gefühle vergingen nicht. Und er war nicht naiv genug das zu glauben.
Also war er bereit ihr noch eimal gegenüber zu stehen? Ihr noch einmal in diese tiefen, schönen, blauen Augen zu schauen? Sich darin zu verlieren? Langsam und bedächtig tippte er seine Antwort ein.
„Ja, können wir.“ 

Es ist mitten in der Nacht, ich wollt mich grad umdrehen, doch werde ich wach vom Telefon.
Ich sehe dein Foto auf dem Screen. Wer auch sonst ruft schon um diese Zeit noch an?
Du weinst und fragst, ob du reinkommen kannst. Du stehst in der Tür, die Schminke läuft durch dein Gesicht.
Ich hab das tausendmal erlebt, aber du änderst dich nicht.
Du schläfst in meinem Bett, ein Kissen voller Tränen.
Ich fühle mich beschissen, aber wem soll ich das erzählen?
Ich steh auf dem Balkon, der letzte Schluck von deinem Bier, ich will nicht neben dich, denn ich hab Angst, dass ich erfrier.
Schon wieder so eine Nacht, du wirst es mir nicht danken, ein schaler Geschmack, was nutzt die Liebe in Gedanken?
(königin der dramen ~ finn)

Sie saß im Auto und fuhr die verlassene dunkle Straße entlang. Die digitale Uhranzeige an ihrem Armaturenbrett zeigte 22:30 Uhr an. Automatisch wanderten ihre Gedanken zu ihm. Vor zwei Wochen hatten sie noch zusammen auf der Couch gesessen und einen Film zusammen angeschaut. Er hatte oft gelacht und den Arm um sie gelegt. Diese Nähe hatte ihr unglaublich gutgetan. Sein Lachen war Balsam auf ihrer verwundeten Seele.
Hinter ihr leuchteten Scheinwerfer auf, als jemand aus einer Einfahrt herausfuhr, was sie aus der Erinnerung riss. Sie versuchte die Tränen zu unterdrücken.
Warum hatte er ihr so weh getan? Sie hatte gedacht, sie würden sich auf einem guten Weg befinden. Nach der langen Pause war sie sich klargeworden, dass sie doch Gefühle für ihn hatte. Und, dass sie mit ihm zusammen sein wollte. Sie dachte, es wäre eine gute Idee, alles langsam und von vorne beginnen zu lassen. Und dann hatte er ihr am Wochenende noch so schöne Sachen geschrieben, als sie wieder in heftige Selbstzweifel versunken war. 
„Du bist wunderschön. Es gibt da draußen so viele Jungs bzw. Männer, die alles für dich tun würden. Zweifel doch nicht immer, sondern sei doch mal zufrieden mit dir. Du bist total sportlich und hast eine super Figur.“
Sie hatte gelächelt und automatisch gewünscht, dass er derjenige wäre, der alles für sie tun würde. 
Sie hatte gedacht, dass es jetzt soweit war. Dass sie beide einen Neuanfang starten könnten. 
Mit klopfenden Herzen waren ihre Gedanken zurück an die erste Nacht gewandert. Sein Geruch, seine Intensität, sein unglaublich liebevoller Blick, wie er sie berührt hatte, wie es sich angefühlt hatte, als er in ihr war, wie sie gekommen war und wie er sie endlos lange geküsst hatte.
Ihr war klargeworden, dass sie sich damals schon in ihn verliebt hatte. Sie hatte sich die ganze Zeit etwas vorgelogen. Und jetzt? Jetzt war es zu spät.
Sie konnte ihre Traurigkeit nicht mehr zurückhalten. Die Tränen kullerten über ihre Wangen und die Straße verschwamm vor ihren Augen. 
„Ich bin jetzt mit ihr zusammen.“
Sie hatte gedacht, sie hätten noch eine Chance. Doch jetzt hatte er sie. Sie, die weniger kompliziert, netter, lieber, süßer, die alles mehr war, was sie nicht war. Die ihm alles geben konnte, was er wollte.
Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle, als sich die kalte Hand des Schmerzes, um ihr Herz legte.
Warum war sie nur so blöd gewesen und hatte ihn von sich gestoßen?
Warum hatte er ihr keine zweite Chance gegeben?
Konnten Gefühle einfach so gehen? 

Wir sind das Märchen, das man nie erzählen wird. 
Ich frage mich, was aus uns geworden wäre, 
wenn ich ein bisschen mehr ein Träumer wäre wie du. 
Wir sind das Märchen, das man nie erzählen wird. 
Ich frage mich, was aus uns geworden wäre 
Wenn ich ein bisschen mehr ein Träumer wäre wie du.
(märchen ~ toksi)  

Er wusste, dass es nichts mit ihr geworden wäre. Sie kannten sich jetzt so lange und sie war so kompliziert, dass er niemals ein Leben mit ihr zusammen führen könnte. Sie war ein unfassbar süßes Mädchen. Er hatte sie so gerngehabt. Doch in seinem Herzen tat es ihm noch sehr weh, dass sie ihn damals zurückgewiesen hatte. Und die Zeit danach, war der blanke Horror gewesen. Sie hatten sich oft gestritten. Sie hatten diskutiert. Sie hatten miteinander geschlafen. Sie hatten gelacht. Sie hatten etwas unternommen. Aber was war die Definition des Ganzen gewesen? Gab es eine?

Babyelefant - Lippenstift Blick in Kamera Lisa Bild

Fotos by J.H. Artworks

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