Der Junge im Café

Geschichten

Ich stand wieder am Fenster und sah hinüber zu dem Café auf der anderen Straßenseite. Er war wieder da. Eigentlich immer, wenn ich hier stand, saß er dort. Er saß dort und hatte immer irgendetwas zu trinken. Nichts bestimmtes, das änderte sich. Je nach Laune. Wenn er gute Laune hatte, trank er meistens einen Cappuccino. Wenn er müde war einen Espresso und wenn er traurig war nur ein Glas Wasser. Doch meistens, wenn die Laune unbestimmt und wechselhaft war, trank er einen normalen Kaffee. Heute hatte er ein Glas Wasser vor sich stehen. Sein Gesicht sah traurig aus. Es hätte mich interessiert was ihn so beschäftigte. Ich hatte ihn noch nie mit jemand anderem dort sitzen sehen. Oft saß ich hier stundenlang am Fenster und zeichnete ihn. Denn wenn er einmal im Café saß, saß er dort auch eine Weile. Etwa zwei bis drei Stunden. Er beobachtete die Menschen, die vorbeiliefen, spielte an seinem Handy oder starrte verloren vor sich hin. Er faszinierte mich auf eine ganz besondere Art und Weise. Eine Art, die mich an mich erinnerte. Ruhig, gelassen und geduldig. Ich mochte ihn. Auch wenn ich noch nie mit ihm gesprochen hatte. Ich hatte auch keinen Mut hinunter zu gehen und mich zu ihm zu setzten oder einfach nur so in das Café zu sitzen. Lieber saß ich hier auf der Fensterbank mit meinem Zeichenblock und dem Kohlestift.
Ich war gerade nach Hause gekommen. Trotzdem holte ich schnell meinen Block und einen Bleistift. Er hatte ein wundervoll trauriges Gesicht. Ich wollte jede Kontur, jede Kleinigkeit festhalten. Meine Mutter rief nach mir und fragte, ob ich etwas essen wolle, doch ich hatte jetzt keine Zeit. Ich wusste nicht wie lange er dort schon saß und ich würde für sein Gesicht sehr lange brauchen. Die Sonne schien trotz des kalten Wintertages und erhellte sein Gesicht in einem perfekten Winkel. Doch die Scheibe hinter der er saß spiegelte ein bisschen. Ich beschloss diese einfach mitzuzeichnen. Also setzte ich mich auf meine Fensterbank, auf der mittlerweile schon ein Kissen lag, und fing an den interessanten Jungen zu zeichnen.

Ich sah sie wieder dort oben an diesem riesigen Fenster, welches direkt auf das Café zeigte, sitzen. Sie hatte wieder einen Block auf dem Schoß und war fleißig am Zeichnen. Ihr Gesicht war wunderschön. Die langen braunen Haare fielen ihr über die Schulter und ins Gesicht, wenn sie sich nach vorne beugte. Ihr konzentriertes Gesicht, wenn sie zeichnete, war faszinierend. Voller Hingabe bewegte sie ihren Stift. Ich hatte mir schon oft überlegt einfach zu klingeln oder sie abzufangen, wenn sie hier vorbeilief, um an die Haustüre zu gelangen. Doch das Bild, wie sie zeichnete, war so wunderschön, dass ich es nicht kaputt machen wollte. Sie war eine wunderschöne, liebliche und elegante Gestalt. Allein wenn ich sie ansah, hatte ich schon Angst sie zu zerbrechen. Sie kam mir vor wie aus Porzellan. Mein Blick blieb an ihrem Gesicht hängen und fast wollte ich mich in ihren mintgrünen Augen verlieren, als mir einfiel, dass sie nicht merken durfte, dass ich sie beobachtete. Also wanderte mein Blick wieder auf das Glas vor mir.

Der Junge im Cafe - Lampe, Tasse und Kanne Bild

Zwei Jahre später…

Ich saß wieder am Fenster. Er saß unten im Café an seinem Stammtisch. Ich war seit genau einem Jahr aus der Schule und studierte jetzt Kunst. Er hatte mir schon im Studium und auch damals in der Schule oft das Leben gerettet, denn die Bilder, die ich von ihm zeichnete, waren die Besten. Manchmal hatte er ein Mädchen dabei gehabt. Es war nie dasselbe gewesen. Doch etwas hatte mich überrascht. Alle, auch wenn sie ganz unterschiedlich waren, hatten lange braune Haare, die ihnen oft ins Gesicht fielen. Wie ich.
Ich hatte ihn reden und lachen sehen. Doch mittlerweile kannte ich seine Mimik zu gut, um sehen zu können, dass sich hinter seinen Augen etwas versteckte. Etwas, dass ihn beschäftigte seit er sich zum ersten Mal, vor vier Jahren, in dieses Café gesetzt hatte.
Es war mitten im Hochsommer und ich hatte heute das Fenster offen, da es mindesten 30 Grad hatte und die leichte Brise angenehm auf der Haut war. Vor mir lagen drei Bilder, die ich vor zwei Jahren von ihm gezeichnet hatte. Er hatte sich verändert. Sein Haarschnitt war anders und auch seine Statur. Überall an ihm waren jetzt Muskeln. Sein Gesicht war härter und kantiger geworden. Und trotzdem so wunderschön geblieben wie am ersten Tag. Wenn er es entspannte sah man wie sanft seine Gesichtszüge waren. Plötzlich wehte ein stärkerer Windhauch durch mein Zimmer und ließ meine Zeichnungen auf der Fensterbank nach oben flattern. Ich versuchte sie noch festzuhalten, doch sie wurden aus dem Fenster geweht, nach draußen, Richtung Café. Erschrocken musste ich zusehen wie meine Lieblingszeichnung, auf der er mit dem wunderbaren traurigen Gesicht zu sehen war, direkt auf seinem Tisch landete.

Und da sah ich mich. Wie eine Fotografie vor zwei Jahren. Ich konnte mich genau an diesen Tag erinnern. Ich wusste noch, dass sie damals einen Bleistift anstatt einen Kohlestift benutzt hatte. Diese Zeichnung war so schön, dass mir fast die Tränen kamen. Konnte das sein? Sie kannte mich nicht und hatte doch alle meine Gefühle auf dieses Blatt gezeichnet. Ich nahm es langsam in die Hand und betrachtete es eine Weile. Die anderen zwei Bilder lagen auf der Straße. Ich stand auf und sammelte sie ein. Überall war ich zu sehen. Einmal in rotem Filzstift und einmal in Kohlestift. Jedes Bild war für sich wunderschön. Und sie zeigten alle mich. Ich sah langsam nach oben zum Fenster, an welchem sie stand und mich angstvoll beobachtete. Ich lächelte sie an.
„Möchtest du sie wieder haben?“, fragte ich sie. Da verschwand sie vom Fenster. Ich hatte schon Angst, dass ich etwas falsches gesagt hatte, doch kurz darauf tauchte sie in der Haustüre auf. So nah waren wir uns noch nie gewesen. Ihre langen braunen Haare glänzten im Licht. Sie war einen Kopf kleiner als ich. Heute trug sie eine weiße Shorts und dazu ein rosanes Top. Sie hatte keine Schuhe an, sondern stand barfuß vor mir. Ihre Augen leuchteten in diesem kräftigen mintgrün, das im perfekten Kontrast zu ihren Haaren stand. Sie war wunderschön.
Immer noch sah sie mich unsicher an. Ich lächelte wieder und hielt ihr die Zeichnungen entgegen. Langsam streckte sie ihre kleine Hand aus und umschloss sie zaghaft. Ich ließ jedoch nicht los, als sie mir die Bilder aus der Hand nehmen wollte. Sie sah mich erstaunt an. Ich streckte ihr meine andere Hand geöffnet entgegen. Abwägend und mit großen Augen starrte sie darauf. In ihren Augen zeigte sich Scheue. Ich lächelte immer noch über ihre Schüchternheit. Nach einer ganz langen Weile umschloss sie dann schließlich meine Finger. Sie trat langsam auf mich zu und stand nach zwei Schritten direkt vor mir. Unsere Gesichter waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um mir in die Augen sehen zu können. Ich beugte mich ein wenig zu ihr nach unten und lächelte.
Es war völlig still. Kein Windhauch mehr. Nur die Sonne, die unsere Gesichter beschien. Sie erwiderte mein Lächeln. Das erste Zeichen, dass ihre Schüchternheit nachließ. Ihr Gesicht war so unglaublich schön. Langsam und jede Reaktion abwartend hob ich meine Hand und streichelte ihr sanft über die glatte, porzellanpuppenähnliche Wange. Ihr Lächeln wurde breiter. Sie legte die Bilder auf den Boden und nahm dann meine andere Hand auch noch. Wir sahen uns lange an. Ich sah, wie in ihren Augen Tränen aufstiegen. Sofort hatte ich das Gefühl sie beschützen zu wollen. Langsam näherte ich mich ihrem Gesicht. Ich war vorsichtig. Sie war immer noch so zierlich und zerbrechlich. Sanft und vorsichtig legte ich meine Lippen auf ihre. Ich spürte, dass sie sich verkrampfte. Sofort wich ich ein wenig zurück. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig. Ich fühle wie sie sich langsam entspannte. Dann öffnete sie die Augen, in denen immer noch die Tränen standen, legte vorsichtig eine ihrer Hände an meine Wange, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich dann zaghaft und vorsichtig. Ich erwiderte den Kuss. Sanft und bedacht. Als wir uns wieder voneinander trennten, hatten sich die Tränen einen Weg über ihre Wangen gesucht. Ich strich sie ihr aus dem Gesicht.
„Vier Jahre“, flüsterte sie mit einer hellen, samtenen Stimme.
„Vier Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet.“

Fotos by J.H. Artworks

4 Gedanken zu “Der Junge im Café

  1. Eine wunderbare Idee, aus beiden Perspektiven zu schreiben. Das ist so wunderschon gefühlvoll beschrieben. Ich war gefangen in Deinen Worten und konnte nicht aufhören, zu lesen. Ich glaube, von Deinem Blog werde ich in Zukunft nicht mehr loskommen. ❤😄

    1. Hallo Antje,

      vielen Dank für deinen netten Kommentar.
      Ich schreibe oft und gerne aus zwei Perspektiven, gerade wenn es um einen Mädchen und einen Jungen geht. Ich finde es schön zu bechreiben wie sich beide in dem Moment fühlen. Wahnsinnig toll, dass es dir gefällt.
      Und vielen Dank für deine süßen Komplimente.

      Liebe Grüße
      Lisa

  2. hey ich bin durch zufall auf deinen block gestossen. zum glueck.
    ich erkenne mich in vielen deiner wundervollen verse wieder, so als haette ich etwas im traum geschrieben und erinnere mich langsam an ihn wegen des vertrauten gefuehls. auch mein herz ist im innersten traurig. traurig, wie das blau eines bewoelkten himmels.
    zu meiner person
    ich bin auf einer unertraeglichen schule, ein maedchen das nicht verstanden wird.
    meine eltern versuchen mich immer wieder aufzubauen und auvh mein hobby der zeichnerei vermag es nicht mir ein laecheln ins gesicht zu zeichnen.
    du wirkst durch deine geschichten, gefuehle und gedanken wie jemand der auch eine harte zeit hinter sich hat.
    was hat dir geholfen wieder gluecklich teil dieses lebens zu sein?
    ich will meinen freunden, meiner famlilie, ja sogar dem ganzen leben endlich wieder mit offenen armen begegnen.
    mehr dabei fuehlen als nur emotionale apathie oder endlich wieder etwas fuehlen.
    da ich leider nicht so viel am computer sein darf nutze ich in zukunft meine halbe stunde am computer um deinen block zu lesen.

    liebe gruesse

    ps: ich hoffe von dir zu hoeren!

    1. Hallo meine Liebe,

      erstmal danke ich dir für deinen wundervollen ausführlichen Kommentar.
      Ich habe tatsächlich in wahrscheinlich einem ähnlichen Alter, in dem du dich jetzt befindest, schwierige Zeiten durchgemacht. Aber heute kann ich darauf zurückblicken und sagen, das war die Pubertät. Eine Selbstfindungsphase, in der man sich von niemandem verstanden fühlt.
      Das hilft dir wahrscheinlich jetzt auch nicht weiter, aber ich gebe dir einen Tipp. Du zeichnest gerne? Höre nicht damit auf. Mach weiter.
      Eins kann ich dir auf jeden Fall sagen, zumindest war das bei mir so, irgendwann wird es besser. Und du wirst dich umdrehen und sagen, gut dass ich diese Zeit gehabt habe, sie hat mich geprägt.

      Ganz ganz Liebe Grüße
      deine Lisa

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