Definiere Liebe…

Geschichten

Ich stand auf der Wiese und sah ins Tal hinunter. Der Sonnenuntergang war atemberaubend. Tausend verschiedene Rottöne liefen ineinander und zeichneten sich leicht vom dunkler werdenden blauen Himmel ab. Es war ein heißer Augusttag gewesen und trotz Sonnenuntergang war es noch lauwarm. Über die Wiese hörte man einen echt guten Elektrosound, der von der Bühne herüberwehte. Gerade legte ein DJ auf, den Leon noch kurzfristig aus dem Nachbarort organisiert hatte. Für das, dass es so eine Spontanaktion gewesen war, hatte der DJ echt was drauf. Aber ich brauchte mich nicht zu wundern. Leon hatte ein Gespür für gute Musik und gute DJs.
Ich hörte Gelächter und Schreie von rechts aus dem Pool. Links von mir verliefen weite Wiesen und vor mir lagen jetzt in einem mystischen Licht getaucht endlos erscheinende Felder.
Mein Freund, Samuel, stand mit einer Flasche Bier bei ein paar Freunden und Freundinnen am Lagerfeuer und unterhielt sich angeregt. Ich beobachtete ihn und alle anderen. Es war mein Leben. Er war mein Leben. Ein Teil von mir. Ich wollte mir niemals vorstellen was es hieße, wenn er nicht mehr wäre. Ich fühlte ein unglaublich schönes Gefühl von Geborgenheit und Wärme in mir aufsteigen. Ich war angekommen.
Zu meinen Füßen lag mein Hündin Emma und schlief. Ich schloss die Augen und atmete die abendliche laue Luft ein. Ein Windhauch zerzauste meine Haare und genau in diesem Moment, als ich dachte ich fühlte mich der Freiheit näher als je zuvor, kam mein Song. 

tell me that you know you feel it every single time
I’ll show that you’re the only thing that stays on my mind

Ich drehte mich um. Das konnte nur er aufgelegt haben. Kein anderer kannte meine Verbindung zu diesem Song. Nicht einmal Samuel. Er musste mich gesehen haben, wie ich hier stand und das Leben auf mich wirken lies. Und tatsächlich. Als ich mich umdrehte sah ich ihn auf der Bühne stehen, wie er mich ansah. Keiner beachtete mich. Ich stand am Rande und abseits der Wiese im Dunkeln. Samuel hatte ich gesagt ich wäre gerne kurz für mich allein, was er immer akzeptierte. Doch Leon hatte mich entdeckt und sofort gewusst was ich brauchte. Unglaublich. Und jetzt stand er auf der Bühne und sah mich mit seinem eindringlichen Blick an. Dann wandte er den Kopf ab, als ob nichts gewesen wäre, ging von der Bühne und verschwand hinter den Büschen in Richtung Straße. Sein Hund Zeus folgte ihm. Keiner achtete auf ihn. Außer ich. Mein Blick folgte ihm bis er mit der Dunkelheit verschmolz. 

tell me that you’ll hold me and I’ll never leave your side
I’m sure that there ain’t no reason for words to define

Ich wusste nicht wieso ich es tat aber jede Faser meines Körpers sagte mir, dass ich es tun sollte. Also drehte ich mich um und ging über die große Wiese Richtung Straße. Emma folgte mir. Als ich den geteerten Weg erreichte stand er schon ein paar Meter entfernt und wartete. Er hatte gewusst, dass ich komme. Wir sahen uns an. Es war kaum noch Licht. Von der Bühne erhellten ab und zu die Strahler unsere Gesichter, doch die Sonne war komplett untergegangen. Es war jetzt dunkel. 

can´t define our love, our love

Er sah mich an. Dieser Blick. Seit fast einem halben Jahr kannten wir uns jetzt und seit Anfang an hatte er mich mit diesem Blick angesehen. Als würde er meine Seele sehen. Mir tief ins Herz blicken und genau wissen, was ich fühlte und dachte. Wir gingen langsam aufeinander zu. 

Tell me that you know you feel it every single time
I’ll show that you’re the only thing that stays on my mind

Als wir voreinander standen hatte ich Tränen in den Augen. Er rief Gefühle in mir hervor, die ich seit einem halben Jahr versuchte zu verdrängen. Er zeigte mir mein Ich, welches ich in die tiefsten Ecken meines Seins vergraben wollte. Nie hatte ich vorgehabt diese Gefühle und Gedanken wieder an die Oberfläche zu holen. Er tat es. Mit einem Blick zwang er mich, mich mit allem auseinanderzusetzen, mit dem ich nie wieder etwas zu tun haben wollte.
Er trat noch einen Schritt näher und wir standen jetzt so nah beieinander, dass sich unsere Körper fast vollständig berührten. Meine Wange berührte fast seine und ich konnte seinen Atem auf meiner Schulter spüren. Seine Hände legten sich sanft auf meinen Rücken. 

tell me that you’ll hold me and I’ll never leave your side
I’m sure that there ain’t no reason for words to define our love

Ein Schauer lief durch meinen Körper und auf meinen Armen bildete sich Gänsehaut. Die Musik schickte mich in Trance. Was tat ich hier? Was tat er hier? Was taten wir hier?
Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung, um ihn von der Seite ansehen zu können. Er sah immer noch über meine Schulter in die Dunkelheit. Meine Lippen waren wenige Zentimeter von seiner Wange entfernt. Er konnte meinen Atem spüren. Er ließ seine Hände über meinen Rücken gleiten an meinen Armen entlang bis er meine Hände in seinen hielt.
Und dann fing er an zu sprechen.
„Du bist das Mädchen an seiner Seite. Doch du musst loslassen. Rede mit ihm über alles. Er hat so viele schlechte Dinge in seinem Leben erlebt. Ich weiß, wie es dir dabei geht, aber rede mit ihm. Er hat die Wahrheit verdient. Er hat verdient alles zu wissen, um sich dann entscheiden zu können.“
Jetzt drehte er seinen Kopf und sah mir tief in die Augen. Unsere Lippen berührten sich. Es war kein Kuss. Nicht einmal annährend. Es war eine leichte Berührung, die die Bedeutung seiner Worte unterstreichen sollte.
„Du bist eine wunderbare Freundin, Sofie. Und du bist seine perfekte Frau. Sein Mädchen. Aber ich sehe dich. Und bevor du den Ballast nicht ablegst, wird dieser über euch schweben wie eine schwarze Wolke. Er hat auch viel mit sich herumzuschleppen, das weiß ich. Er wird mit dir reden. Dafür sorge ich. Aber bitte versprich mir, bitte, Sofie, erzähle ihm alles. Er ist einer von den Guten. Er wird alles verstehen und akzeptieren. Aber bitte rede mit ihm.“
Tränen liefen mir nun übers Gesicht. Ich hatte kaum mit ihm geredet und doch kannte er mich besser als ich mich selbst. Er hatte meine Gefühle für Samuel begriffen und verarbeitet, was nicht einmal ich bis heute konnte. Die Intensität, die ich jedes Mal verspürte,  konnte ich bis heute nicht begreifen. Er hatte mir gerade gesagt, was es war. Samuel war der erste dem ich wirklich alles erzählen konnte. Leon zog mich an sich und umarmte mich.
„Mach keinen Fehler und lass das zwischen euch stehen“, flüsterte er mir ins Ohr.
Ich sah ihn an, als wir uns voneinander lösten und nickte. „Danke“, flüsterte ich. Dann drehte ich mich um und ging zurück zu meiner Zukunft. Zurück zu meinem Leben, welches jetzt erst wirklich begann.
Ich vergas Leon nie, was er für mich getan hatte. Er hatte mir gezeigt, dass Vertrauen das wichtigste und wertvollste in einer Beziehung war. Er hatte mir geholfen zu sehen, dass ich mit Samuel genau das hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben. Jemanden dem ich bis zum Schluss und in alle Ewigkeiten alles,  absolut alles,  anvertrauen konnte. In jeder Hinsicht.  

Tell me that you know you feel it every single time
I’ll show that you’re the only thing that stays on my mind
Tell me that you’ll hold me and I’ll never leave your side
I’m sure that there ain’t no reason for words to define our love
(define ~ dom dolla & go freak)

Foto by J.H. Artworks

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